Anwalt Macit Karaahmetoglu im Interview

„Tugces Einsatz für andere wirkt weiter“

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Rechtsanwalt Macit Karaahmetoglu

Offenbach - Der Ditzinger Anwalt Macit Karaahmetoglu hat der Familie von Tugce seit den schrecklichen Ereignissen zur Seite gestanden. Er war das Sprachrohr für die Familie kurz nach der Tat und vertrat sie im Prozess vor dem Darmstädter Landgericht.

Inzwischen ist er Vorstandsvorsitzender des Vereins „Tugce Albayrak e. V. “, der die Gründung einer Tugce-Stiftung vorbereitet. Über den tragischen Fall der jungen Frau sprach er mit unserer Redakteurin Angelika Dürbaum.

Herr Karaahmetoglu, wie geht es Tugces Eltern und ihren Brüdern ein Jahr danach?

Natürlich ist nichts mehr wie zuvor. Die Mutter von Tugce ist nach wie vor schwer traumatisiert von dem Verlust. Der Vater, so hoffen wir, kann bald wieder zur Arbeit gehen. Der jüngere Bruder hat inzwischen sein Studium, das er unterbrochen hatte, wieder aufgenommen. Vor allem Dogus, der Jüngere, ist sehr aktiv im Verein, will das Andenken an seine Schwester bewahren.

Wird die Familie an der Mahnwache am Sonntagnachmittag in Offenbach auf dem McDonald’s-Parkplatz teilnehmen?

Voraussichtlich wird zumindest Dogus die Familie dort vertreten. Auch viele Freunde und Verwandte wollen kommen und Tugce gedenken.

Alles zum Fall von Tugce Albayrak

Ist Tugce Ihrer Einschätzung nach noch die große Zivilcourage-Heldin, ist sie noch in der Bevölkerung präsent?

Natürlich ist seit dem Ende des Prozesses die Aufmerksamkeit nicht mehr so groß. Aber Tugces Einsatz für andere ist in den Köpfen der Menschen weiter sehr lebendig.

Im Prozess gegen Sanel M. blieb offen, ob die Mädchen in dem Schnellrestaurant Tugces Hilfe tatsächlich benötigten.

In dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten: In einem Prozess muss alles kritisch gesehen werden. Das Gericht konnte nicht mehr ganz sicher feststellen, wer von der Jungengruppe in der Toilette was gemacht hat. Das ist in einem Rechtsstaat Gott sei Dank auch so: Alles, was nicht hundertprozentig feststeht, wird zugunsten des Angeklagten, also hier Sanel M., berücksichtigt. Eines ist aber klar: Tugce hat zwei Mädchen in Not geholfen und wurde so zur Angriffsfläche. Sie hat ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt. Und ich bin mir sicher: Die meisten Menschen sehen das genauso.

Die Anwälte von Sanel M. haben Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt. Welche Entscheidung erwarten Sie?

Sollte die Revision zugelassen werden, wäre es schrecklich für alle. Zweifellos würde es ein furchtbarer Schlag für die Familie sein, aber auch für Sanel M. wäre es nicht gut. Was wäre das für ein Signal an den jungen Mann nach solch einer Tat? Er ist in dieser Sache Opfer der Eitelkeit seiner Anwälte. Hätten diese mehr Realitätssinn bewiesen, wäre es für alle Beteiligten besser gewesen.

Der Fall Tugce Albayrak: eine Chronologie

Die Familie will eine Stiftung gründen. Was ist das Ziel? Arbeiten Sie auch mit?

Ja, ich bin Vorsitzender des Vereins, der die Stiftungsgründung vorbereitet. Ziel der Stiftung ist, alles weiterzutragen, wofür Tugce gestanden hat: Gewalt vorbeugen, Aufklären über Zivilcourage, Hilfe für Opfer und Werbung für Organspende. Tugce war ja Organspenderin und hat so nach ihrem Tod insgesamt noch fünf Menschen geholfen, drei Menschen das Leben gerettet. Wir hoffen, bei einer Gala am Todestag auch Geld für die Gründung zu sammeln. Wir sind auf einem guten Weg, die anvisierten 50 000 Euro für die Stiftung zusammenzubekommen.

Sie galten auch schon vor dem Fall Tugce als „Anwalt der Geschlagenen“. Wie haben die Ereignisse ihr Leben verändert?

Zeitweise hat der Fall mein Leben dominiert. Es war eine große Belastung zu sehen, welchen Schmerz die Familie ertragen musste, wie etwas zugrunde gegangen ist, was nie wieder gutgemacht werden kann. Bis heute habe ich eine enge Beziehung zu der Familie. Ich bin froh, als Anwalt und als Mensch für mich sagen zu können: Ich habe alles Menschenmögliche getan.

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