Urteil wohl vor dem Jugendrichter

Tugce-Ermittlungen „im Laufe des Januars“ beendet

+
Christian Heinemann, Anwalt des mutmaßlichen Täters Sanel M. 2012/13 war er als Berater des damaligen Präsidiums der Offenbacher Kickers um Dr. Frank Ruhl aktiv.

Berlin/Offenbach - Der Schmerz sitzt tief in Tugces Familie. Während die Angehörigen der getöteten Studentin einen Einblick in ihre Gefühlswelt geben, rechnet der Anwalt der Familie damit, dass sich der mutmaßliche Täter vor dem Jugendrichter verantworten muss.

Der Bruder der getöteten Studentin Tugce hat sich nach dem Abschied von seiner Schwester erstmals öffentlich zu Wort gemeldet. „Das ist ein Stück von mir, das mir einfach weggenommen wurde“, sagte der 25-jährige Dogus Albayrak in einem Interview des Fernsehmagazins „Stern TV“, das bei RTL ausgestrahlt wurde. Seine Schwester sei lebensfroh, mutig und entschlossen gewesen, erklärte er. „Tugces positive Energie wird nicht in Vergessenheit geraten, das wird immer bleiben.“

Den mutmaßlichen Täter Sanel M. wird der Offenbacher Rechtsanwalt Christian Heinemann vor Gericht vertreten. Heinemann hat das Mandat gemeinsam mit einem Kollegen aus Frankfurt übernommen, wollte sich aber auf Anfrage unserer Zeitung nicht zu dem Fall äußern. Nach einem Jura- und Betriebswirtschaftsstudium in Lörrach und Konstanz absolvierte Heinemann sein Referendariat am Landgericht Darmstadt und arbeitet seit 2003 als Rechtsanwalt in Offenbach. 2012/13 war Heinemann als Berater des damaligen Präsidiums der Offenbacher Kickers um Dr. Frank Ruhl aktiv.

Tugce war Mitte November nach der Prügelattacke des 18-jährigen Sanel M. vor einem Schnellrestaurant in Offenbach ins Koma gefallen, aus dem sie nicht mehr erwachte. Zuvor soll sie in dem Lokal zwei belästigten Mädchen geholfen haben. Ihr Bruder bedankte sich in dem Interview zugleich für die große Anteilnahme. „Das hat uns sehr viel Kraft gegeben.“ Vor allem durch die Mahnwache an Tugces Todestag - der auch ihr 23. Geburtstag war - sei der Familie der Abschied leichter gefallen. „Es war wichtig, dass wir ihren Geburtstag noch gefeiert haben und dass die Mahnwache stattgefunden hat“, sagte Albayrak.

In einer vorgelesenen Botschaft sprachen die Eltern Tugces von einem nicht beschreibbaren Schmerz, das eigene Kind zu beerdigen. „Gerade in jenen schweren Stunden waren es die vielen Menschen auf der Straße und anderswo, die uns Kraft gegeben haben“, heißt es in der Botschaft. „Dieses Mitfühlen und die Anerkennung ihres Mutes und ihrer Zivilcourage haben sie ein Stückchen unsterblich gemacht, sie mit uns weiterleben lassen, in den Gedanken der Menschen.“

Mutmaßlicher Täter muss wohl vor den Jugendrichter

Zum Stand der Ermittlungen machte die Staatsanwaltschaft gestern keine neuen Angaben. Oberstaatsanwalt Axel Kreutz sagte, eventuell sei „im Laufe des Januars“ mit dem Abschluss der Ermittlungen zu rechnen. Auch das Verfahren wegen der Veröffentlichung des Videos aus der Überwachungskamera des Parkplatzes dauere an.

Lesen Sie dazu auch:

Tugce steht auf Liste für Straßen- und Brückennamen

Tugce-Anwalt sieht kein juristisch relevantes Maß

Zoff um das Wort "Hurensohn"

Das droht Sanel M.

Trauer um Tugce: Hunderte nehmen Abschied

Kommentar: Der Rest ist Schweigen

Polizei „verwundert“ über Video-Veröffentlichung

Trauer und Wut im und am Klinikum Offenbach

Tugce A. verliert Kampf gegen den Tod

18-Jähriger Schläger schweigt

Fall Tugce A.: Heftige Kritik an McDonalds-Mitarbeitern

Der Rechtsanwalt der Familie der getöteten Studentin Tugce rechnet damit, dass sich der mutmaßliche Täter vor dem Jugendrichter verantworten muss. „Da er gerade erst 18 geworden war, gehe ich davon aus, dass das Jugendstrafrecht zur Anwendung kommt“, sagte Macit Karaahmetoglu aus Ditzingen (Kreis Ludwigsburg). Damit seien Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren möglich. Entscheidend für das Strafmaß wird dabei sein, ob das Gericht dem 18-jährigen eine „schädliche Neigung“ bescheinigt. Sanel M. hatte als Schüler das Gymnasium und später die Realschule vorzeitig verlassen. Laut „Spiegel“ verzeichnet sein Strafregister vier Verurteilungen seit 2012, u.a. wegen eines Einbruchs in einem Kiosk und gefährlicher Körperverletzung. Die Gruppe um den mutmaßlichen Täter soll in Offenbach dessen 18. Geburtstag in einem als Balkan-Diskothek bekannten Klub gefeiert haben, berichtet das Magazin. Später begaben sie sich dann zum Tatort, dem Parkplatz eines McDonald’s-Restaurants am Kaiserlei in Offenbach. Dort trafen sie auf Tugce Albayrak und drei Freundinnen, die zuvor in einem anderen Offenbacher Club gefeiert hatten. Die Studentin wollte Zeugen zufolge einen Streit im Toilettenbereich des Restaurants schlichten. Auf dem Parkplatz wurde sie dann von dem 18-Jährigen geschlagen. Dabei stürzte die junge Frau und erlitt schwerste Schädel-Hirn-Verletzungen, an denen sie letztlich starb.

Tugce: Abschied und Mahnwache

Abschied von Tugce

Mahnwache für Tugce vor dem Klinikum

joko/dpa/re

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion