Mahnwache für Koma-Studentin

Fall Tugce A.: Heftige Kritik an McDonalds-Mitarbeitern

+
Die Studentin liegt weiterhin im Koma - ihr Schicksal berührt: Mehr als 30 Verwandte und Freunde hielten gestern Nachmittag Mahnwache vor einem Schnellrestaurant am Kaiserlei.

Offenbach - Aus Sicht einzelner Medien steht das Urteil zum Fall der 22-Jährigen, die bei einem Streit zwischen zwei Gruppen auf einem Parkplatz eines Schnellrestaurants am Kaiserlei niedergeschlagen wurde, bereits fest: Die Studentin zeigt Zivilcourage und wird dafür von einem vorbestraften Schläger fast totgeprügelt. Von Ralf Enders, Oliver Haas und Peter Schulte-Holtey

Tugce A. vor einer Tafel. Die 22-Jährige Studentin aus Gelnhausen möchte Lehrerin werden.

Die Offenbacher Polizei und Staatsanwaltschaft sind vorsichtiger, verweisen auf ihre Ermittlungen. Rudi Neu, Sprecher der Offenbacher Polizei, kann die Darstellung der „Bild“-Zeitung, wonach es auf der Toilette des Restaurants zu einer ersten Auseinandersetzung gekommen ist, weil Tugce A. Schreie von dort gehört habe und bedrängten Frauen helfen wollte, nicht bestätigen: „Die Details kennen wir noch nicht“, sagte er gegenüber unserer Zeitung. Auch das Thema des späteren Streits auf dem Parkplatz sei nicht bekannt. Die Ermittler hätten mehrere Zeugen vernommen, aber noch kein klares Bild des genauen Hergangs. Deshalb seien unbeteiligte Zeugen so wichtig für die Ermittlungen.

Nach den bisherigen Erkenntnissen haben sich beide Gruppen vor dem Streit am frühen Samstagmorgen zuvor nicht gekannt. Bei den intensiven Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und der Kriminalpolizei haben sich nunmehr Hinweise auf einen jungen Mann mit einem karierten Hemd ergeben, der das Geschehen aus unmittelbarer Nähe erlebt hat. Axel Kreutz von der Staatsanwaltschaft in Offenbach: „Dieser verließ kurz darauf mit einer silbernen Mercedes-Limousine die Örtlichkeit und ist aus Sicht der Ermittler ein wichtiger Zeuge.“ Diese Person wird daher dringend gebeten, sich bei der Polizei unter der Rufnummer 069/8098-1234 zu melden. Über Facebook suchen Freunde des Opfers weitere mögliche Zeugen. Dabei soll es um zwei Mädchen gehen, die auf der Toilette im McDonalds gedrängt wurden und um einige junge Männer, die Tugce A. im Schnellrestaurant halfen. 

Mahnwache am Kaiserlei

Verwandte und Freunde beteiligten sich gestern Nachmittag an einer Mahnwache am Kaiserlei. „Erst passierte es Tugçe, morgen kann es einem anderen passieren. Egal welche Religion, egal welche Nationalität“, sagt Yasin Albayrak, Onkel des Opfers. „Meine Cousine wollte anderen helfen und ist selbst Opfer geworden“, so eine Frau. Von der Toilette des Schnellrestaurants habe sie Hilfeschreie zweier Frauen gehört. Diese sollen vom Täter und einem weiteren Mann bedrängt worden sein. Die Gelnhäuserin habe den Frauen beistehen und schlichten wollen. „So kennen wir Tugce, sie war immer schon mutig und hat kein Blatt vor dem Mund genommen. Das kann nicht jeder und dafür darf sie einfach nicht so bestraft werden“, sagt eine Freundin des Opfers. Vorwürfe erhebt eine Cousine gegenüber Angestellten des Schnellrestaurants. „Hätten die Mitarbeiter geholfen, dann wäre es nicht soweit gekommen.“ Bereits vor dem Angriff auf ihre Cousine hätte der Täter im Restaurant „Mist gebaut“ und die Mitarbeiter hätten nichts unternommen. Auch auf den Flugblättern, die während der Mahnwache verteilt wurden, sind Vorwürfe zu lesen. Mit dem 18-Jährigen, gegen den wegen schwerer Körperverletzung ermittelt wird, gehen die Angehörigen und Freunde der schwerverletzten Studentin hart ins Gericht: „Wenn jemand mit 18 schon zu so viel Gewalt bereit ist, was passiert denn in ein bis zwei Jahren? Ich hoffe, dass er eine gerechte Strafe bekommt“, heißt es.

Lesen Sie dazu auch:

Tugçe A. weiter in Lebensgefahr, Zeugen gesucht

Junge Frau brutal ins Koma geprügelt

Professor Dr. Norbert Rilinger, Ärztlicher Direktor am Sana Klinikum in Offenbach, sagte auf Anfrage unserer Zeitung: „Der Gesundheitszustand der Patientin ist nach wie vor äußerst kritisch. Im Vordergrund stand bei ihr eine schwere Schädel-Hirn-Verletzung, in deren Folge es zu einer massiven Hirnschwellung gekommen ist.“ Als erster Schritt wurde eine neurochirurgische Operation zur Entlastung des Gehirns durchgeführt. Diese Maßnahme wird nun begleitet durch eine entsprechende intensivmedizinische Therapie, bei der unter anderem medikamentös versucht wird, auf den Hirndruck einzuwirken. Gleichzeitig werden alle wichtigen Herz-Kreislauf-Funktionen überwacht.

Sicherungsmaßnahmen am Klinikum verstärkt

Der mutmaßliche Täter ist polizeibekannt.

Zum großen öffentlichen Interesse an dem dramatischen Fall meinte Rilinger: „Vor dem Hintergrund der Medienberichterstattung halte ich die große Anteilnahme für nicht ungewöhnlich. Für uns am Sana Klinikum spielt dies aber eher eine untergeordnete Rolle, da wir uns ganz auf die optimale medizinische Versorgung der Patientin konzentrieren.“ Und zur möglichen emotionalen Belastung des engagierten Klinikpersonals sagte der Mediziner: „Unsere Ärzte- und Pflegeteams sind es gewohnt, sich mit kritischen medizinischen Situationen auseinanderzusetzen und hier hoch professionell zu reagieren und damit umzugehen.“ Die Sicherungsmaßnahmen am Klinikum wurden unterdessen verstärkt.

Der Fall sorgt bundesweit für großes Aufsehen. Nahezu sämtliche Tageszeitungen und Magazine berichten darüber. Auch TV-Sender haben ihre Reporter nach Offenbach geschickt. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, beklagte in Interviews der TV-Sender ARD und RTL, dass es für jugendliche Intensivtäter nicht genügend Betreuungsplätze gebe. „Es gibt schlichtweg zu wenig Unterbringungsheime, wo jungen Intensivtätern geholfen wird, wir können sie eigentlich nur in den Knast schicken“, sagte Wendt. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass etwa 65 Prozent dieser Gewalttäter nach Verbüßen der Strafe rückfällig werden.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion