Nach Wechsel zum Turbo-Abitur

Rückkehr zu G9: In Ruhe überdenken

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Offenbach - Da schwingt eher der politische Wunsch mit als eine örtliche Handhabe: „Es wäre schön, wenn es in Offenbach eine G9-Variante gäbe“, sagt Stadtrat Felix Schwenke. Von Martin Kuhn

Der Sozialdemokrat hat derweil die Leiter der drei städtischen Gymnasien gebeten, ein grobes Stimmungsbild unter Kollegen und Eltern zu ermitteln. „Wir stehen im ständigen Austausch. Die Frage ist doch: In welche Richtung geht es überhaupt?“.

Klar ist: Die Stadt ist zwar Schulträger, also für Gebäude und Ausstattung zuständig, kann aber die pädagogischen Wege nicht vorgeben. Die Schulleiter sind von der neuerlichen Rolle rückwärts in kurzer Zeit offenbar wenig begeistert. Christoph Dombrowski, Leiter der Leibnizschule: „Die Absprache der drei städtischen Gymnasien sieht ein Überdenken in Ruhe vor.“ An der Parkstraße gibt es einen Beschluss der Gesamtkonferenz, der das kommende Schuljahr als Phase der Beratung vorsieht. „Selbstverständlich in allen Gremien und damit auch mit den Eltern“, betont Dombrowski.

„Nicht übers Knie brechen“

Ähnlich argumentiert Ulrich Schmidt: „Unser Schulgemeinde hält die Entscheidung, ob unsere Schüler acht oder neun Jahre auf die Albert-Schweitzer-Schule gehen sollen, für eine wichtige Entscheidung, die wir nicht übers Knie brechen wollen.“ Die Gesamtkonferenz habe sich dafür ausgesprochen, zunächst im Dialog mit Eltern und Schülern die Erfahrungen von G8 und G9 auszuwerten. „Wir werden nach gründlicher Diskussion im Schuljahr 2013/14 beschließen, was wir machen wollen“, so der Schulleiter.

Im „Diskussions- und Verständigungsprozess“ befindet sich die Rudolf-Koch-Schule. Leiterin Christiane Rogler ergänzt: „Selbstverständlich sind wir im Dialog mit den Elternvertretern, die wiederum die Thematik bei Elternabenden ansprechen.“

Andrang auf drei städtischen Gymnasien konstant hoch

Der Andrang auf die drei städtischen Gymnasien ist konstant hoch. Im Schuljahr 2009/10 verzeichneten die drei Gymnasien zusammen 3331 Schüler. 2010/11 waren es 3274 Jungen und Mädchen, im folgenden Jahr 3286, die ihr Abitur ablegen wollen. Interessant: In diesen drei Jahren kletterte der Anteil der Gymnasiasten mit ausländischen Wurzeln von 41,6 auf 50,4 Prozent.

Für Thomas Löhr, Leiter des städtischen Schulamts, steht damit fest: „Die pauschale Aussage, dass junge Migranten allein ins Handwerk drängen, sehen wir in Offenbach nicht. Im Gegenteil. Schüler und Eltern streben nach höherer Bildung.“

Entsprechend ausgerichtet ist die kommunale Bildungspolitik mit Schwerpunkt auf Schulsanierung und -erweiterung. Mehr als 30 Millionen Euro flossen in der sogenannten ersten Tranche allein in die drei Gymnasien, um die baulichen Voraussetzungen für den G8-Betrieb zu schaffen. Das heißt: Cafeterien, Fachräume und Möglichkeiten für ganztägige Betreuung.

Rückkehr zu G9 möglich

Aber wäre das ganze Geld bei einer Rückkehr zu G9 nicht aus dem Fenster geworfen? „Nein“, widerspricht Löhr sofort. Die Sanierung wäre ohnehin unumgänglich gewesen, er plädiert aber indirekt fürs ganztägige Bildungsangebot: „Das verbessert die Leistung für Schüler mit Migrationshintergrund. Es ist wichtig, dass die Schüler voneinander lernern – dafür haben wir die Voraussetzungen geschaffen.“

Während Verwaltung und Schulen also eher zurückhaltend an die Sache rangehen, bezieht die Offenbacher SPD klarer Stellung: Wir müssen den Schulen dabei helfen, zu G9 zurückzukehren“, so der Stadtverordnete Lutz Plaueln. Er begrüßt nun die mögliche Rückkehr der Schulen zu G9. „Es gehört meiner Ansicht nach mehr zur Persönlichkeitsbildung dazu als eine möglichst schnelle Vermittlung von Lernstoff“, findet der Sozialdemokrat. Das umstrittene Gesetz zum G8-Abitur durch die Hessische Landesregierung habe Eltern und Kinder zu stark belastet.

„Bekommen wir dann ein Zweiklassenabitur?“

Die nun geplante Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 sieht Plaueln jedoch kritisch. „Bekommen wir dann ein Zweiklassenabitur?“ fragt er sich. Er hätte sich gewünscht, dass das Land eine deutlichere Vorgabe zur Rückkehr zu G9 vorgenommen hätte, um Unklarheiten zu vermeiden. Es sei nun Aufgabe des Schuldezernats und des Schulamts, Verunsicherungen zu beseitigen, die Schulen bei einer Rückkehr zu G9 zu unterstützen und die Beratung von Eltern und Kindern sicherzustellen.

Aber vielleicht erklärt das auch die Zurückhaltung der Offenbacher Gymnasialleiter: 2013 stehen in Hessen Landtagswahlen an. Neue Mehrheiten könnten dann für eine ganz neue Schulpolitik stehen...

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