TV Offenbach führt Herzinfarktpatienten zum Sport

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Die Mitglieder der Herzsportgruppe des TV Offenbachs treiben die Bälle durch die Halle. Nach einem Herzinfarkt ist kontrollierte Bewegung eine gute Therapie.

Offenbach - Sicher, wenn eine Fußballmannschaft aus der Bundesliga trainiert, steht der Vereinsarzt nie weit abseits, um behandeln zu können, wenn sich ein Spieler auf dem Rasen krümmt oder den Oberschenkel hält. Von Stefan Mangold

In der Turnhalle der Fröbelschule gegenüber dem Capitol an der Goethestraße vermutet daher wohl niemand einen ständig präsenten Mediziner, nur weil ein paar Offenbacher hier an Donnerstagen ab 19 Uhr Gymnastik treiben.

Doch der Facharzt für Allgemeinmedizin, Claus M. Reimers, steht zur Stelle und trägt sogar einen Defibrillator mit sich, wenn er die Halle betritt. Das Gerät kennt jeder, der einmal einen Krankenhausfilm sah: Nach dem Herzstillstand kommt der Arzt gerannt und holt den Patienten mittels Stromschlägen wieder ins Leben zurück.

Herzsportgruppe von TV Offenbach

Die, die hier mit einem Stock einen Ball durch die Halle treiben, sind Mitglieder der Herzsportgruppe des TV Offenbachs – und sie vereint die gleiche Erfahrung: Sie haben alle einen Herzinfarkt hinter sich. Mindestens einen. Was bedeutet, dass Teile des Herzmuskels absterben. Wer Glück hat, bekommt heftige Schmerzen und ruft deshalb sofort den Notarzt, weil er ahnt, das die letzte Stunde geschlagen haben könnte. Wer noch mehr Glück hat, sackt zwar vielleicht bewusstlos zusammen, befindet sich in diesem Moment jedoch nicht alleine im Raum.

So erging es Reinhard Chowanietz (63), der vor vier Jahren „nicht das Geringste merkte“, als sich sein Körper eigentlich vom Leben verabschiedet hatte. Er sackte in sich und das Herz stand still. Doch seine Frau war bei ihm. Im Haus wohnte zudem eine Krankenschwester. Die wusste natürlich, wie sie ein Herz wieder in Gang bekommt, wenn die Zeit noch reicht. Und der Rettungswagen hatte es auch nicht weit.

Auf dem Weg ins Krankenhaus „blieb mein Herz noch zweimal stehen“. Von all dem hatte Chowanietz nichts bemerkt. Als er auf der Intensivstation erwachte, „fühlte ich mich überhaupt nicht schlecht“. Man hätte ihm auch erzählen können, „jemand habe mir ein Schlafmittel ins Essen gemischt“. Seitdem zog Chowanietz an keiner Zigarette mehr.

Risikofaktoren für einen Herzinfarkt

Rauchen ist bekanntermaßen einer der größten Risikofaktoren für einen Herzinfarkt. Daneben gelten Fettleibigkeit und Diabetes als Krankheiten, die einen Infarkt befördern können. Was jedoch nicht bedeuten muss, dass ein schlanker Nichtraucher auf alle Fälle gefeit ist. Walter Bierbach (75), der Vorsitzende der Herzsportgruppenabteilung, rauchte schon zehn Jahre nicht mehr, als er mit damals 42 Jahren seinen ersten Herzinfarkt erlitt. Trotz schlanker Figur und obwohl er Sport trieb. Er habe leicht messen können, wie sich seine körperliche Leistungsfähigkeit danach halbierte, „denn meine Zeit über hundert Meter galt dann für die Hälfte der Strecke“. Bierbaum hatte Schmerzen bei seinem Infarkt, „als wenn dir jemand auf der Brust sitzt und du nicht mehr atmen kannst“. Nach dem ersten folgte ein zweiter, später ein dritter Schlaganfall.

Vor fast dreißig Jahren gründete sich die Herzsportgruppe als Teil des Turnvereins Offenbach. Heute führt sie 76 Mitglieder in ihrer Liste. Von Beginn an ist Bierbach dabei. „Ohne die Bewegung hier hätte ich nicht überlebt“, vermutet der Vorsitzende. „Es geht um kontrolliertes Training der Muskulatur“, erklärt der Arzt Claus M. Reimers. Der sitzt nicht nur daneben, sondern macht viele Übungen mit. Überhaupt herrscht in der Halle eine heitere Stimmung. „Nach dem Infarkt ist kein Feierabend“, unterstreicht Rudolf Reiter die allgemeine Gelassenheit. Doch man dürfe sich nicht überanstrengen.

Das Training ist für zwei Gruppen konzipiert, für die, die sich bis 100 Watt belasten können und die, bei denen es bis 150 geht. Der jüngste Teilnehmer ist 45 Jahre alt, der älteste 86. Dass sich niemand verausgabt, darauf achten die beiden Trainerinnen Ursel Merget und Rosi Schröder. Die haben sich speziell für die Arbeit mit Herzkranken ausbilden lassen. Mit Erfolg. Der Defibrillator steht zwar immer am Rand, doch der Arzt betont: „Zum Einsatz kam ich noch nie.“

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