Ausstellung in Offenbachs Zollamt Studios

Über die höhere Mathematik des Lebens

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Roland Zehetmeier baut Skulpturen aus Holz.

Offenbach - Vorbildlich nutzen die Offenbacher Malerin Anna Maria Brocke-Bodemann und Bildhauer Roland Zehetmeier ab heute den nicht einfachen Raum 305 in den Zollamt Studios. Von Reinhold Gries

Brocke-Bodemanns Serien auf Papier wirken im Dialog mit Zehetmeiers expressiven Balken-Skulpturen wie zwei Seiten eine Medaille. Im Fokus: Grundfragen menschlicher Existenz. Die Künstler sind in allem, was sie gestalten, authentisch und eigenwillig. Und dadurch zeitlos. Der aus dem Rosenheimer Land stammende, gelernte Architekt Zehetmeier findet sein Material auf Baustellen von Abbruchgebäuden. Aus Haufen von Bauholz fischt er passende Balken heraus, die ihn inspirieren. „In jedem Stamm wartet etwas darauf, Gestalt anzunehmen“, sagt er. Beim Formen, Schnitzen und Hauen seiner Menschfiguren lässt er sich von Ästen und Knoten ebenso beeinflussen wie von der Maserung. Auch von Gebrauchsspuren und Verletzungen der Hölzer. „Es fordert mich heraus, dem Balken eine Identität zurückzugeben; ich verstehe meine Arbeit als Wiederbelebung“, erläutert der Künstler.

Bei der silbrig-metallisch Skulptur „Human Angle“ überrascht der rechtwinklige Arm mit der übergroßen Hand. „Bis hierher und nicht weiter“, scheint die Figur zu rufen. Um das spannungsvolle Verhältnis zwischen Nähe und Abstand geht es auch bei Zehetmeiers „Stop“ oder „Frau mit überkreuzten Armen“. Nur vorsichtig nähert sich der Besucher den fragilen Stelen, die sich in sich zurückzuziehen scheinen. Um dann doch mit großen Händen oder Gesten zum Schauen anzuhalten. Verblüffend auch Zehetmeiers Tragetüten aus Holz, gemeinsam mit einer kopflosen Puppe zur Figurengruppe arrangiert. Titel: „Wie viel Heimat passt in die Tüte“. Prägnanter kann Kunst menschliche Befindlichkeiten und Zustände kaum darstellen.

Auch Brocke-Bodemanns Collage-Serien gehen aufs Ganze, sind in ihrer Abstraktheit jedoch nicht leicht zu erschließen. „Ich kann Gefühltes und Gedachtes nur in Serien ausdrücken“, sagt sie. Die Titel ihrer Reihen sind dabei durchaus eindeutig: „Fahrt aus der Zeit“, „Sanduhrzeit“, „Hallo Mr. Darwin“, „Balance“. Aber in der Farb- und Formgebung der expressiv bis archaisch wirkenden Werke ist verrätselt, was zum übergeordneten Thema der Vergänglichkeit ausgesagt wird. Der Besucher muss sich in Brocke-Bodemanns eigenwillige Ikonographie erst einlesen. Muss eintauchen in Sanduhrgebilde, in tiefblauen Urmeer-Flächen mit fast surrealen Unterwasserwesen, in die ewige Waage, die Formen gegeneinander stellt. Wichtig sind in ihren Kunstwerken auch Linien aus Kohle sowie schwarzen Dreiecke und Trapeze. Der Betrachter spürt es: Hier geht es um Kräfteverhältnisse und Gehäuse, um Bildformeln über Verengung, um Befreiung, um Stillstand oder Veränderung. Da werden mit leichter Hand schwere Gedankengewichte bewegt. Mit ein bisschen Nachdenken kommt der Besucher dann auch hinter den Titel der Ausstellung: „nähe (+/-) (=) abstand“. Zehetmeier und Brocke-Bodemann geht es um die höhere Mathematik des Lebens.

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