Was in 30 Minuten geschah

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Der Betrieb im gutbürgerlichen Lokal „Zum Bieberer Berg“ - hier mit Inhaberin Lieselotte Hühne und ihren Töchtern Heidrun Hühne-Ulrich und Elke Suljkovic-Hühne - läuft normal weiter.

Offenbach ‐ Die Schulter des Leverkusen-Fans ist böse gebrochen, aber nicht nahezu pulverisiert, wie es erst zu befürchten gewesen war. Der 44-Jährige ist wieder raus aus dem Krankenhaus. Von Marcus Reinsch

Ebenso der Kickers-Anhänger mit schlimmer Kopfwunde, der ein Leverkusen-Trikot getragen hatte, als die Frankfurter Schläger das Freundschaftsessen von rund 50 Offenbacher und Leverkusener Fußballjüngern im gutbürgerlichen Lokal „Zum Bieberer Berg“ stürmten. Was bleibt vom brutalen Überfall von etwa 25 dem unkontrollierbaren Dunstkreis der Frankfurter Eintracht zuzuordnenden Hooligans auf die Gruppe friedlich beisammensitzender Fußballjünger am Samstag, sind einige große und viele kleinere Blessuren. Und vor allem Kopfzerbrechen.

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Letzteres natürlich beim verletzten Kickers-Fan, weil er vermutlich eine Glasflasche auf den Kopf bekam und nun eine Gehirnerschütterung auskurieren muss. Bei anderen echten Fußballfreunden, weil das ohnehin sensible Verhältnis der Fans von beiden Seiten des Mains nun zusätzlich in Bedrängnis zu geraten scheint.

Mit Quartzsand gefüllte Handschuhe

Und auch bei der Offenbacher Polizei. Henry Faltin, Sprecher des Südosthessen-Präsidiums, zeigte sich gestern unglücklich über den aus einigen Berichten über den Überfall zu deutenden Eindruck, seine Kollegen seien erst eine halbe Stunde nach dem ersten Notruf aktiv geworden.

Richtig sei, gibt der Polizei-Abteilungsleiter Bernd Denninger zu Protokoll, dass „sofort mehrere Streifen der Stadtreviere und der Nachbarstationen ausrückten. Als die Beamten am Einsatzort ankamen, rannten überwiegend dunkel gekleidete Männer in alle Himmelsrichtungen davon - eine Schlägerei war erkennbar nicht mehr im Gange. Daher nahmen die Schutzleute sofort die Verfolgung der Flüchtigen auf.“

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Mit einigem Erfolg. Innerhalb weniger Minuten gab es elf Festnahmen. Zum Teil seien einzelne Beamte den Flüchtigen gefolgt und „somit selbst ein hohes Risiko eingegangen“, weil die Schläger von vielen gewaltbereiten Fußballfans genutzte „Passivbewaffnungen“ wie mit Quartzsand gefüllte Handschuhe und Zahnschutzleisten dabei hatten. Etwa bei der Verfolgung von zwei Hooligans zu Fuß durch den Leonhard-Eißnert-Park, den Bierbrauerweg, den dortigen Industriepark und bis zur Unteren Grenzstraße, wo sich die Gehetzten „augenscheinlich völlig außer Kraft festnehmen ließen“. Einen führe die Polizei schon lange als „Gewalttäter Sport“.

Ein zwölfter Hooligan sei später - als mehr Beamte zur Verfügung standen und rund 30 Minuten nach dem Notruf außer der etwa 30 Mann starken „BFE-Einheit“ aus Frankfurt auch ein Hubschrauber vor Ort war - aufgestöbert und festgenommen worden.

„Gespräch mit den Fans suchen“

Dass Lieselotte Hühne, die Inhaberin des Lokals, nach ihrem um 13.43 Uhr erfolgten Anruf bei der 110 relativ lange keine Polizisten bei ihrem Lokal „wahrgenommen“ habe, sagt Faltin, habe also nicht zu bedeuten, dass die Polizei untätig war. Sie habe nur eben zuerst mit allen verfügbaren Kräften die flüchtenden Täter verfolgt, nachdem klar gewesen sei, dass die Schlägerei beendet ist und keine Gefahr mehr droht.

Die Polizei, heißt es aus dem Offenbacher Präsidium, werde nun unter Federführung der Staatsanwaltschaft die Ermittlungen in Sachen schwerer Landfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung gegen die mutmaßlichen Täter vorantreiben.

„Daneben werden wir weiterhin das Gespräch mit den Fans suchen. Wir möchten verhindern, dass Gedanken der Vergeltung um sich greifen. Die Offenbacher Fanszene sollte sich jetzt keinesfalls auf eine Stufe mit Straftätern stellen, sondern durch besonnenes Verhalten dem Verein Kickers Offenbach die notwendige und faire Unterstützung zukommen lassen. Dann dürfen die Fans auch mit unserer Fairness rechnen - Straftäter werden wir allerdings auch auf Offenbacher Seite schonungslos verfolgen!“

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