„Überflüssig wie ein Kropf“

Offenbach - Die Empörung ist überparteilich und zieht sich durch 25 Vereine und Verbände, die sich um ältere Offenbacher kümmern: Ihre Dachorganisation und Koordinierungsstelle steht vor dem Aus. Von Thomas Kirstein

Am 15. Juni haben Oberbürgermeister Horst Schneider und Stadtkämmerer Michael Beseler dem städtischen Seniorenbeirat mitgeteilt, dass es ab 31. Dezember kein Geld mehr gibt. Ehrenamtliche fühlen sich brutalst abgewickelt.

Diese Kündigung ist Ausfluss einer Entscheidung im Stadtparlament. Die Koalitionsparteien SPD, Grüne und Freie Wähler haben mit ihrer Mehrheit durchgedrückt, dass es ab 2013 einen „Seniorenrat“ geben soll, ein von Offenbachern über 60 gewähltes 15-köpfiges Gremium mit politischer Ausrichtung und Rederecht in den städtischen Fachausschüssen.

Geld dürfte kaum reichen

Dieses soll unter anderem mit den bisher dem Seniorenbeirat zustehenden Mitteln finanziert werden: Die 12 .000 Euro, aus denen die Ehrenamtlichen des Beirats bisher allerhand unterhaltende und kulturelle Angebote für alte Offenbacher subventionierten, dürften jedoch kaum reichen. Allein die Wahl des neuen Rats selbst wird damit kaum zu bezahlen sein.

Im Emil-Renk-Heim der Betreuungsgesellschaft Tempelsee, wo die Geschäftsstelle des umbenannten Stadtaltenrings nach Mittelkürzungen Anfang der 90er Jahre untergekommen ist, bündelt sich der Protest: Am Tisch sitzen Vorsitzende Marianne Herrmann, ehrenamtliche SPD-Stadträtin, der den Grünen nahe Schriftführer Klaus Engmann, die Beisitzer Friedrich Serwé von der Senioren-Union als Vertreter des Katholischen Dekanats und DLRG-Urgestein Gustav Wendel, die CDU-nahe Vize-Vorsitzende Otti Krug und für die Seniorenhilfe der ehemalige Sparkassen-Vorstandschef Hans-Peter Kloppenburg.

Der Sozialdemokrat geht mit dem hauptsächlich von seinen Genossen um den ehemaligen Oberbürgermeister Wolfgang Reuter betriebenen neuen Seniorenrat hart ins Gericht: „Überflüssig wie ein Kropf!“ Da solle für ausgemusterte Politiker eine neue, von einer vermutlich verschwindend geringen Zahl Wahlberechtigter legitimierte Plattform geschaffen werden. Und dies zu Lasten des bisherigen Seniorenbeirats, der ohne Zuschüsse nichts mehr stemmen kann. Die 25 angeschlossenen Vereinigungen nehmen für sich in Anspruch, bis zu 10 .000 ältere Offenbacher zu vertreten. Bei einem direkt gewählten Rat wäre es vorbei mit einem Delegiertensystem, das den Interessen der jeweiligen Verbände angemessenes Gewicht verleihe.

Arbeit weitgehend frei von Parteieinflüssen

Wie der aktuelle Protest ist die Arbeit des Seniorenbeirats seit jeher weitgehend frei von Parteieinflüssen. Man vertritt praktische Anliegen der Älteren – oft waren diese auf dem kleinen Dienstweg mit Ämtern zu regeln – und versteht sich als kultureller Dienstleister in einer Stadt, die für die Zielgeneration nicht allzu viel zu bieten hat. Vorsitzende Marianne Herrmann zählt auf, was es unter anderem ohne das ehrenamtliche Engagement des Beirats nicht mehr geben wird: Weihnachtskonzert, literarische Sonntagnachmittage, Seniorenfahrten mit bis zu fünf Bussen. Denn der jährliche städtische Zuschuss hatte es ermöglicht, Angebote zu Rentner-verträglichen Preisen zu gestalten.

Der jetzige Schritt an die Öffentlichkeit stellt kein Nachkarten derjenigen dar, die sich nicht hatten durchsetzen können. Bitten des Seniorenbeirats um Gespräche über die Seniorenrats-Initiative seien seit 2010 weitgehend ignoriert worden, beklagt sich Schriftführer Engmann. Es sei schon einmalig, dass ein Gremium nach 40 Jahren ohne gemeinsame Konsensfindung einfach abgewickelt werden solle.

Optimismus bewahrt

Konstruktiver Gegenvorschlag des Seniorenbeirats: Anstatt eines teuren gewählten Beirats könnte es eine Seniorenkommission geben, in der sowohl das politische Spektrum abgebildet wäre als auch die Vereine und Verbände über Delegierte Einfluss nehmen könnten. Hans-Peter Kloppenburg hat sich ein bisschen Optimismus bewahrt: „Man soll nie aufgeben! Vielleicht wird ja doch noch ein neuer Denkprozess in Gang gesetzt...“

Rubriklistenbild: © Joakant/ pixelio.de

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