„Untragbare Zustände“

Überlastete Grundschullehrer rufen um Hilfe

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Offenbach - Die Lehr- und Lernbedingungen an Grundschulen in Stadt und Kreis Offenbach sind offensichtlich so desolat, dass viele Lehrer um die Gesundheit der Kinder und ihre eigene Gesundheit fürchten. Die Kollegien aus 17 Grundschulen haben deshalb geschlossen Überlastungsanzeigen an den Kultusminister geschickt. Von Michael Eschenauer

„Wir sehen als engagierte Kollegien reihenweise Kinder hinten runterfallen, die Arbeitsbelastung ist nicht mehr zu schaffen“, sagte gestern Astrid Binder, Lehrerin an der Wilhelmschule in Offenbach. Kollege Felix Pressel von der Offenbacher Mathildenschule ergänzt: „Wir arbeiten in Aufbewahranstalten statt in Bildungseinrichtungen.“ Edeltraut Trinowitz vom Gesamtpersonalrat für die Grundschulen warnt, dass das Lehrpersonal grundlegenden pädagogischen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden könne. Die Lehrer litten unter gesundheitlichen Problemen wie Hörsturz, Bluthochdruck, Heiserkeit, Schlafstörungen und psychischer Überlastung. Der Krankenstand sei hoch, das Budget für Vertretungsstunden oft schon Mitte des Jahres ausgeschöpft. Das Restkollegium müsse die Mehrarbeit übernehmen.

Die Anzeige einer Überlastung beim Dienstherrn ist laut Arbeitsschutzgesetz vorgeschrieben, wenn der Betreffende den Eindruck hat, dass seine Gesundheit akut gefährdet ist. Kultusminister Ralf Alexander Lorz (CDU) habe jedoch Anzeigen von Kollegien in Wiesbaden und Darmstadt als „zentral orchestriert“ und die Arbeitsbelastung als normal bezeichnet. Dies sei zynisch, so Trinowitz, alle Schulen würden gleichermaßen mit Überlastungsproblemen ringen.

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Grund sind nach Darstellung der Personalvertreter die Inklusion von behinderten Kindern, der steigende Anteil an zugewanderten und verhaltensauffälligen Schülern, eine Verschlechterung der Kooperation mit den Eltern, besonderes in Offenbach, überbordende Bürokratie sowie miese räumliche Bedingungen mit Lärm und mangelhafter Reinigung. All diese Mehrbelastungen hätten aber nicht zu einer besseren Personalzuteilung geführt. Im Gegenteil: Bei Inklusionsklassen habe sich die Situation im Vergleich zu früher, als es bisweilen auch gemeinsamen Unterricht mit behinderten Kindern gegeben habe, klar verschlechtert. In den ersten beiden Grundschulklassen gebe es generell keine Förderschullehrer mehr zur Unterstützung, die Klassenobergrenze von einst 20 Schülern bei Inklusionsklassen sei gefallen, und bei mehreren Inklusionskindern in einer Klasse sei die Zahl der Hilfskräfte gedeckelt oder es gebe einfach nicht genug. „Es ist nicht mehr möglich, diese Kinder angemessen zu fördern“, so das Verdikt der Lehrer. Die Überlastungsanzeigen seien „ein Hilferuf an den Kultusminister, seiner Verantwortung und Fürsorgepflicht endlich gerecht zu werden.“

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