Geräuschlos durch die Geschichte 

Umbau vom Hochbunker zum Wohnhaus verläuft nach Plan

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Maßarbeit: Auf engem Raum stemmt ein Kran die acht Tonnen schweren Betonblöcke auf ein Spezialfahrzeug zum Abtransport.

Offenbach - Die Massen an Beton, die aus dem Brunnenweg abtransportiert werden, sind so schwer wie mehrere hundert Kleinwagen. Ein Blick hinter die Fassade des Bunkers offenbart Relikte aus Kriegszeiten. Von Christian Wachter

Dafür, dass ein Bunker zu einem Wohnhaus umgebaut wird, ist es leise auf der Baustelle im Brunnenweg. Das ändert sich auch nicht, wenn sich Uwe Rosentreter und sein Team von „Die Betonknacker“ durch die zwei Meter dicken Wände sägen. Gearbeitet wird nämlich mit einem Diamantseil. Dieses, so Rosentreter, besänftige nicht nur nachbarschaftliche Lärmängste, sondern ermögliche es auch, den dichten Beton in gleichmäßige Quader zu zerteilen.

Im wahrsten Sinne des Wortes kein leichtes Unterfangen. Jeder der Quader ist acht Tonnen schwer, insgesamt müssen 660 Tonnen abtransportiert werden. Bauherr Ludger Mentrup verrät: „Es ist schon eine Herausforderung, den Kran, der die Quader auf die Laster hievt, überhaupt auf dem Gelände zu parken.“ Die Sägearbeiten seien das Aufwändigste an dem Projekt.

Investor Ludger Mentrup, Uwe Rosentreter (Die Betonknacker) und Architektin Annette Schroeder liegen gut in der Zeit.

Inzwischen ist fast die ganze hintere Betonwand zersägt, nur der untere Teil fehlt noch. Bis zum Ende des Jahres soll das Haus bezugsfertig sein. Wo sich derzeit die exakt zerteilten Quader türmen, werden Neumieter dann aufs Gartenidyll der Anwohner blicken. Wie berichtet, entstehen auf insgesamt 750 Quadratmetern acht Wohnungen. Die Bewohner werden nicht die Ersten sein, die das Gebäude für einen anderen Zweck als den ihm ursprünglich zugedachten nutzen. Nach Kriegsende habe es einer Kirchengemeinde als Versammlungsraum gedient. Später sei der Bunker ein Lager für Toilettenpapier gewesen, in manchen Räumen hätten Bands geprobt. Auch ein Sadomaso-Studio und eine Psychologin hätten dort ihr Domizil gefunden, gibt Mentrup Einblick in die Geschichte des Gebäudes.

Das heißt aber nicht, dass die Zeugnisse des Krieges, die sich im vermutlich 1941 errichteten Bunker verbergen, komplett getilgt worden sind oder werden. Die Klappen in den Wänden auf der Straßenseite etwa werden für die Abluft genutzt und dürften wegen des Denkmalschutzes ohnehin nicht entfernt werden, erzählt Architektin Annette Schroeder.

Zu Kriegszeiten sollten die Klappen bei einem Bombenschlag den Druck ausgleichen. Auch von den Beschriftungen, die zum Beispiel den Standort anzeigen, oder dem fluoreszierenden Anstrich, der zumindest kurzfristig bei Dunkelheit helfen sollte, wolle man etwas bewahren, so die Architektin. „Für die komplett erhaltene Lüftungsanlage im Keller suchen wir noch einen Abnehmer.“

Die Klappen im Hochbunker am Brunnenweg sollten während des Zweiten Weltkriegs den Druck bei Bombeneinschlägen ausgleichen. In den Wohnungen, die heute entstehen, können sie für die Abluft genutzt werden.

Generell, so Schröder, sei die Architektur des Luftschutzbunkers beachtlich. Von oben sehe er eher aus wie ein landwirtschaftlich genutztes Gebäude. „Wahrscheinlich eine bewusste Entscheidung, um die Flieger zu täuschen.“ Auch die Dichte des Betons sei außergewöhnlich dafür, dass man damals kein schweres Gerät zur Verfügung gehabt habe. Ganz im Unterschied dazu ist Rosentreter mit Spezialwerkzeug reichlich ausgestattet. Das Diamantseil etwa wurde eigens angefertigt, damit sich der Verschleiß in Grenzen hält und um die Schneidegeschwindigkeit zu optimieren. „Insgesamt liegen wir gut im Zeitplan. Drei Monate waren geplant, und nach bisher sechs Wochen sind wir schon sehr weit.“ Den Bauherrn Mentrup freut es: „Das Projekt klang spannend, und ich habe es nicht bereut. Neubau kann schließlich jeder!“

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