Umzug ins Ungewisse

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Bezugspersonen und eine vertraute Umgebung sind für Demenzkranke wie die 86-jährige Annemarie Lenk wichtig. Gudrun zur Brügge-White kümmert sich seit mehreren Jahren um die Seniorin.

Offenbach ‐ Nein, die Hose passt farblich einfach nicht zum Pullover. Annemarie Lenk lässt sich nicht beirrnen. Schließlich will sie für den Fotografen gut aussehhen, soll ihr Bild doch in die Zeitung. Von Matthias Dahmer

Die alte Dame ist fit an diesem Morgen. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn üblicherweise macht sie die Nacht zum Tag. Die 86-Jährige leidet infolge ihrer Demenzerkrankung an einem verschobenen Schlafrhythmus. Hier im St.Hildegard-Haus der Caritas stören die nächtlichen Spaziergänge der Annemarie Lenk keinen. Man lässt sie gewähren, stellt sie nicht - wie Demenzkranke in manchen anderen Einrichtungen - mit Medikamenten ruhig.

Diese Freiheiten, die als familiär geschätzte Atmosphäre des Hauses mit seinen 17 Plätzen, wird es bald nicht mehr geben. Der katholische Wohlfahrtsverband schließt aus finanziellen Gründen zum Jahresende die Einrichtung an der Schumannstraße.

Schon jetzt sind die ersten ausgezogen, und die, die noch übrig sind, bekommen sehr wohl mit, dass Veränderungen anstehen, hat Gudrun zur Brügge-White beobachtet. Mehr als fünf Jahre schon kümmert sie sich ehrenamtlich um Annemarie Lenk. Die resolute Betreuerin will sich nicht damit abfinden, dass das St.Hildegard-Haus, dieses so wertvolle Pflegeheim dicht macht. Sie will den damit verbundenen Schicksalen der Bewohner ein Gesicht geben.

„Dort ist sie wieder zum Mensch geworden“

Das von Annemarie Lenk ist gezeichnet von einem Leben, dass nicht oft auf der Sonnenseite angesiedelt war. 1923 in Plauen im Vogtland geboren, verschlägt es sie irgendwann nach Offenbach. Viel ist nicht bekannt über die kinderlose und allein lebende Frau, die „wohl mal verheiratet war und ziemlich gut englisch spricht“, wie Gudrun zur Brügge-White erzählt.

Im Jahre 2002 wird das Gesundheitsamt auf die in der Taunusstraße lebende Seniorin aufmerksam, bei der die Krankheit des Vergessens langsam Lücken ins Gedächtnis frisst. Gudrun zur Brügge-White erledigt von da an Hausarbeiten für Annemarie Lenk, die ihre Wohnung nicht aufgeben möchte. Dann 2004 doch ein Wechsel. In eine GBO-Wohnung im Lämmerspieler Weg, wo Annemarie Lenk ihr Alkoholproblem wieder einholt. Noch merkt sie selbst, wie es um sie steht, weshalb sie auf eigenen Wunsch ins Horst-Schmidt-Haus in Heusenstamm geht. Doch in dem Drei-Bett-Zimmer des Awo-Heims ist sie „total unglücklich“, sagt ihre gesetzliche Betreuerin. Es folgt der Umzug zurück nach Offenbach ins St. Ludwig-Haus der Caritas und kurz darauf ins kleinere Hildegard-Heim auf dem gleichen Gelände.

„Dort ist sie wieder richtig aufgeblüht, ist wieder zum Mensch geworden“, lobt Gudrun zur Brügge-White die Zuwendung, die Demenzkranke dort erfahren. Die Pflegekräfte, berichtet die Betreuerin, nehmen sich Zeit für jeden einzelnen, keiner der Betroffenen sei aggressiv, was man in anderen Einrichtungen oft erlebe. „In Offenbach gibt es keine vergleichbare Einrichtung“, ist sie sich sicher.

Weshalb sie nicht verstehen kann, dass das Heim dem Rotstift zu Opfer fallen soll. „Warum wird das St.Hildegard-Haus nicht von der Stadt unterstützt, warum kommt es zu keiner Kooperation mehrerer Träger“, ärgert sich die Ehrenamtlerin, dass in der Altenpflege immer noch jeder seine eigene Suppe kocht, dass dort auch nur „Machtkämpfe ums Geld“ stattfinden und gegeneinander gearbeitet wird. Mehr Zusammenarbeit aller, die sich um Demenzkranke kümmern, Betreuung in kleinen Einheiten, „das ist mein Traum“, sagt sie.

Vorerst wird Gudrun zur Brügge-White das Angebot der Caritas annehmen müssen, Annemarie Lenk im St-Ludwig-Haus unterzubringen. Gesagt hat sie es ihr noch nicht, der alten Dame, die nachts so gerne auf dem Flur spazieren geht.

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