Weg zur Unabhängigkeit

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Die Chinesin Yanjun Qin entwickelte das Pflanzsystem „LOHAS“, mit dem Biogemüse und Obst einfach und billig zu Hause angepflanzt werden.

Offenbach ‐   Nicht nur Umweltverschmutzung und Klimawandel, sondern auch der Ressourcenschwund an fossilen Brennstoffen sowie die ökonomische Abhängigkeit vom Nahen Osten und Russland zwingen zum energiepolitischen Umdenken. Von Claus Wolfschlag

So stand die Beschäftigung mit dem Thema „Erneuerbare Energien“ auch auffällig oft auf der Agenda der Diplompräsentation des Fachbereichs Produktgestaltung der Hochschule für Gestaltung (HfG).

Andre Federico Look etwa entwarf innerhalb seiner Studie „aer“ ein ansprechendes Design speziell für Elektro-Rennmotorräder. Look offenbarte sich als begeisterter Motorradfahrer. Mit 16 Jahren saß er erstmals auf dem Sattel, mit 19 legte er sich dann seine erste vollverkleidete Straßenmaschine zu. Nun stehe mit der Elektrotechnik ein Epochenwandel bevor. 250 km/h erreichten solche Maschinen bereits in Tests. „Die Gestalter spielen dabei aber bislang noch keine Rolle“, so Look. „Immer noch werden nur Rahmen von Verbrennungsmotoren verwendet, obwohl man zum Beispiel den Platz für Auspuffe oder Ansauganlagen nicht braucht.“ Look gehörte 2009 zu den Mitgründern der Firma „Indesa GmbH“, die sich für die Vermarktung des schicken Designs einsetzen wird.

Bahnbrechender Ansatz zur Lichterzeugung

Gemächlichere PS-Zahlen bei ähnlichem Gedankengang hat sich Fabiano Acquasanta mit seinem Post-Fahrrad „Transmail“ gewidmet. Acquasanta nahm im Vorfeld Kontakt zu Postboten auf, begleitete sie bei ihrer Arbeit, führte Interviews. Aus den gewonnenen Erkenntnissen entwickelte er das optisch ansprechende Gefährt in Dreirad-Form und Leichtbauweise. Die Vorteile: Das Fahrrad verfügt über einen kleinen Wendekreis, viel Ablagefläche, benötigt keinen Ständer mehr und ein Akku speichert während des Schiebens Energie, die dann von einem Hilfsmotor verbraucht werden kann.

Einen bahnbrechenden Ansatz der Lichterzeugung verfolgte Anna Seibel. Ihre Leselampe mit dem programmatischen Namen „Autark“ erzeugt Strom faktisch aus sich heraus. Ein Dynamo, wie er bereits bei „outdoor“-Lampen Verwendung fand, und ein Uhrwerksmechanismus ermöglichen die Lichterzeugung ohne Batterie oder Zugang zum Stromnetz. Wie bei einer Spieluhr mit Aufziehschnur zieht man an einem Band und bekommt für zwei Stunden kostenlos Licht geliefert. „Es funktioniert durch die neue LED-Lichttechnik“, erläuterte Seibel. „Klassische Glühbirnen verbrauchten zu viel Energie dafür.“

Auch Alice Gruhle arbeitete an Problemen der Lichttechnik. Sie entwickelte eine Solarleuchte für den öffentlichen Raum mit einem breiten Schirm, der als flächiges Speicherelement dient.

Im weiteren Sinne mit der effektiven Nutzung von Strom beschäftigte sich zudem Lukas Wiesler. Er widmete sich mit dem Projekt „Mono“ den analogen Übertragungsmöglichkeiten von Musik allein über das klassische Stromkabelnetz.

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Weg zur Unabhängigkeit

Die Unabhängigkeit in ernährungsspezifischer Hinsicht war das Thema von Yanjun Qin. Qin stammt aus Hangzhou, nahe Shanghai, absolvierte in China ihren Bachelor. Danach studierte sie drei Jahre an der HfG und beschäftigte sich dabei mit Hydrokultur. Ihr Topf- und Pflanzkonzept „LOHAS“ soll Privathaushalten ermöglichen, kleine Mengen an Obst und Gemüse rasch und bequem zu Hause anbauen zu können. Yanjun Qin: „Man kann zum Beispiel Weizen für Weizengrassaft pflanzen. Der ist gesund. Oder man pflanzt Sojabohnensprossen. Das dauert dann nur drei Tage bis zur Ernte.“

Neben diesen Werken, die sich um Energie und Unabhängigkeit drehten, gab es noch vier Arbeiten, die sich mit modernem Möbeldesign beschäftigten. Ihnen gemein war der Fokus auf das Schnelllebige, die Vermeidung der Festlegung, die Möglichkeit des Umbaus und Austausches, die starke Anpassung also an den ent-orteten Rhythmus des modernen Daseins. Susen Windrich entwickelte ein kleines Möbelstück für die Patchworkfamilie oder, alternativ, für häufig wiederkehrende Besucher. Das Möbel kann dabei beliebig zum Schemel, zur Kommode oder Truhe umfunktioniert werden.

Benyamin Rahmani schuf ein schlichtes Regal

Auch Meike Langer schuf ein praktisches Kleidungsaufbewahrungssystem. Fast schon wie eine pure Installation wirkt das collagenartige Möbelstück „Hin und Weg“ von Kathrin Schumacher, das Alltagsgegenstände neu kombiniert, etwa eine karge Bank mit einem Aufbewahrungsbehälter. Und Benyamin Rahmani schuf ein schlichtes Regal als Bücheraustauschstation, bei der Reisende auf Bahnhöfen und Flughäfen ihre abgegriffene Reiselektüre für andere Lesehungrige hinterlassen sollen - wenn diese die Station denn entdecken.

Ganz aus der Reihe fiel Konrad Regels eher medizinischer Kopfschmuck „tallabé“. Ein kleiner Helm mit eingebautem Gewicht dient dabei als therapeutisches Projekt, mit dem unterbewusst die eigene Körper- und Bewegungsstatik justiert werden kann.

Quasi ungesehen zu loben ist das Werk eines anderen Studenten, dessen Entwicklung schon vor der Präsentation Bewunderer in den Kreisen gefunden hat, nach denen die Produktentwickler streben: Das Unternehmen, das sich seinen Entwurf bereits gesichert hat, untersagte die Ausstellung des Werks.

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