Unauslöschliche Erinnerung

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Daten und Fakten aus den Geschichtsbüchern vergessen Schüler schnell wieder. Aber die Begegnung mit der Zeitzeugin Trude Simonsohn wird die Klasse 10bR nie vergessen.

Offenbach - Trude Simonsohn hat überlebt. Mutter und Vater, Cousins, Onkel und Tanten – die Nazis haben ihre gesamte Familie ausgelöscht, nur sie kam mit dem Leben davon. Am Mittwoch erzählte die 88-Jährige in der Edith-Stein-Schule von ihrer Jugend in der Tschechoslowakei, dem Terror der SS im Protektorat Böhmen und Mähren und ihrer Odyssee durch verschiedene Ghettos und Konzentrationslager. Von Denis Düttmann

Daten und Fakten aus den Geschichtsbüchern vergessen Schüler schnell wieder – die Begegnung mit einer Zeitzeugin nicht“, sagt Referendar Jan Schönherr, der den Besuch von Simonsohn mit Angela Wagner-Bona vom Wiesbadener Museum Spiegelgasse organisiert hat. Die Schüler der zehnten Klassen hatten in der Woche zuvor bereits das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald besucht und sich im Unterricht ausführlich mit dem Dritten Reich beschäftigt.

Es geht nicht darum, die Jugendlichen moralisch für den Holocaust in die Verantwortung zu nehmen. Vielmehr wollen wir die Schüler für Diskriminierung und Ausgrenzung sensibilisieren und empathiefähig gegenüber Unterdrückten und Verfolgten machen“, erklärt Schönherr.

Simonsohn stammt aus dem damaligen Olmütz in Mähren und besuchte dort das deutsche Gymnasium. Nach dem Münchener Abkommen 1938 nahm sie erstmals eine feindliche Stimmung unter ihren Mitschülern wahr. In einer Redeübung in Englisch sprach eine Klassenkameradin über den Unterschied zwischen Deutschen und Engländern. Dabei zitierte sie aus dem Hetzblatt „Der Stürmer“ und behauptete, Juden seien keine Menschen.

Schulunterricht für Kinder organisiert

Der Lehrer hat sich danach bei mir entschuldigt – das werde ich nie vergessen“, erinnert sich Simonsohn. Als die Wehrmacht im März 1939 in Prag einmarschierte, verließ sie die Schule und arbeitete von nun an mit ihrer Gruppe der jüdischen Jugendbewegung auf einem Gut. „Wir wollten nach Palästina und dort wurden vor allem Bauern gebraucht“, erklärt sie. Schon damals waren die Juden völlig entrechtet, konnten kaum noch am öffentlichen Leben teilhaben und verloren praktisch ihren gesamten Besitz.

Nach dem Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, im Mai 1942 verhafteten und ermordeten die Nationalsozialisten zahlreiche Tschechen, die sie der Verschwörung verdächtigten. Auch Simonsohn wurde gefangen genommen und des Hochverrats angeklagt. „In der Einzelhaft bin ich fast verzweifelt“, erzählt sie. „Ein Maurer, der gegenüber meinem Zellenfenster arbeitete, sprach mir aber jeden Tag Mut zu. Ich habe nie seinen Namen erfahren, doch er hat mir neue Kraft gegeben.“

Als sie schließlich nach Theresienstadt deportiert wurde, organisierte sie Schulunterricht für die Kinder, obwohl dies von den Nationalsozialisten strengstens untersagt worden war. „Ich habe dort gelernt, wie wichtig Bildung ist“, sagt Simonsohn. „Mit Kultur lässt sich der Hunger leichter ertragen.“

An Auschwitz, wo sie im Oktober 1944 ankam, hat sie nur noch wenig Erinnerung – sie glaubt an einen Blackout zum Selbstschutz. Nur das stundenlange Appell-Stehen und die Demütigung, nackt von den Duschen zur Kleiderkammer laufen zu müssen, kann sie bis heute nicht vergessen.

Simonsohn überlebte die Todesmärsche, wurde im Mai 1945 von der Roten Armee befreit und traf in Theresienstadt schließlich ihren Mann wieder. „Erst in dem Moment, als wir nicht mehr jede Minute um unser Leben fürchten mussten, begriffen wir, was man uns angetan hatte“, sagt Simonsohn.

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