... Und sie waren dann mal weg

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Blick vom Leichhof auf den Mainzer Dom. Hier beginnt die „Bonifatius-Route“.

Offenbach - Es gibt auch Lebensentwürfe ohne Urlaub auf den Seychellen, Formentera oder in der Karibik. Nachzulesen ist das in Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“. Von Reinhold Gries

Hier berichtet der prominente Komiker über seine illustre „Ochsentour“ auf dem Jakobsweg gen Santiago de Compostella, legt aber auch das faszinierende Protokoll eines Sieges über die eigene Trägheit vor. Was man allerdings noch erfährt: Das Ganze ist teuer, Etappenabschnitte sind nicht selten überlaufen, manche Strecken haben ein atemraubendes Höhenprofil oder führen lebensgefährlich über Landstraßen. Für Ungeübte, die pilgernd vielleicht auch „mal weg“ sein möchten, ist so etwas weniger gut.

Dabei gibt es eine weniger aufwändige, aber sehr lohnende Pilgerroute auch in Hessen , vor der Haustür sozusagen. Eine Kult-Tour voller Begegnungen, mit viel Geschichte und Natur, dabei aber ohne viel befahrene Straßen. Ein spiritueller Hintergrund existiert auch: „Bonifatius-Route“ haben die Bistümer Mainz, Fulda und Limburg, mehrere Gemeinden und Kreise sowie die Evangelische Kirche Hessen-Nassau den Pilgerweg von Mainz nach Fulda genannt. Im Jahre 2003 haben sie sich im „Verein Bonfatius-Route“ zusammengefunden und 2004 ihr Projekt, exakt 1250 Jahre nach der legendären Überführung des „Apostels der Deutschen“, feierlich eingeweiht und erstbegangen.

Vor dem Mainzer Dom steht diese imposante Barockskulptur von Bonifatius. Der Mann soll ein wahrer Hüne gewesen sen. Forscher untersuchten sein Grab in Fulda und ermittelten eine Körpergröße von für damalige Verhältnisse schier unglaublichen 1,90 Metern.

Der mit den Bischofsstab-Schildern markierte Weg soll seitdem dessen „kulturelle und religiöse Bedeutung als moderne Wander- und Pilgerroute begeh- und erlebbar machen“. Er knüpft an die historisch belegbare Leichenprozession des am 5. Juni 754 in Friesland ermordeten Kirchenvaters an. Geboren im Jahre 672/675 im englischen Wessex als Wynfreth, war der Missionar nach Forschungen im Fuldaer Grab ein Hüne von fast 1,90 Meter Größe und kräftiger Statur. Schon die Schiffsreise des Leichnams über Utrecht rheinabwärts nach Mainz war keine Selbstverständlichkeit. Man stritt über die Knochen des schon damals bewunderten Märtyrers als begehrte Reliquie - auch in Bischof Bonifatius´ erstem Bistum Mainz. Aber der letzte Wille des gelehrten Missionars, in seinem 744 gegründeten Lieblingskloster Fulda begraben zu werden, war bindend. Nach der Überlieferung startete die Überführung am 9./10. Juli am Leichhof hinter dem Mainzer Dom, per Schiff ging es über den Main, dann durch Hochheimer und Flörsheimer Weinberge in Richtung des heutigen Kalbach und Eschborn. Nördlich von Frankfurt bewegte sich der Zug in die Wetterau, heute nachvollzogen durch Stationen wie Dortelweil, Karben, Büdesheim und Windecken an der Nidder.

Der Pilger findet bemerkenswerte Zeichen in schöner Landschaft

Am idyllischen Kloster Engelthal vorbei führt die touristisch angepasste Nachbegehung nach Altenstadt, zum Keltenheiligtum Glauberg, vorbei am verlassenen romanischen Kloster Konradsdorf nach Ortenberg und Lißberg am Vogelsberg. Dann nach Hirzenhain und in die Gederner Gegend. Während Ausgrabungen zu der Bonifatius gewidmeten „Krutzenkirche“ nur noch im Archäologischen Museum Frankfurt zu sehen sind, findet der Pilger bemerkenswerte Zeichen der Bonifatiusverehrung in schöner Landschaft: das „Bonifatiusruh“ genannte irokeltische Steinkreuz bei Heldenbergen, die verwunschene Ruine der Lißberger „Schafskirche“, das Geviert der „Stumpe Kirch“ bei Burkhards im Hohen Vogelsberg, wo weitere Bodendenkmale wie die „Bonifatiuskanzel“ auf den Wanderer warten. Von dort führt die Route ins Fuldaer Land zum Kloster Blankenau, zum Wallfahrtsort Kleinheiligkreuz und nach Fulda, wo der barocke Dom die Reliquien des Heiligen im Altar bewahrt.

Schon bei der historisch nachgestellten Eröffnungsprozession im Juli 2004 stellte sich die Frage, wie die 180 Kilometer damals in sieben Tagen und Nächten bewältigt worden sind. So geht es auch vielen Pilgern oder Wanderern, die meist nur einzelne Etappen ablaufen.

Wackere Wanderer: Rudolf Klemisch samt Ehefrau Elke und Freundin Petra Ryssok-Lema (mit geklebtem Schuh).

Drei Offenbacher haben jetzt ihren Sommerurlaub in die komplette Tour investiert: Konzertgitarrist Rudolf Klemisch und seine Frau, die Kita-Leiterin Elke Ullrich-Klemisch , sowie Freundin Petra Ryssok-Lema aus Tempelsee setzten, angeregt von Zeitungen und Internet, die Pilger idee in die Tat um. „Hessen find ich schön“, meint Ryssok, die im Wandern weniger geübte Angestellte aus Offenbach . „Wir haben uns vorsichtshalber zwei Wochen Urlaub genommen, auch die Möglichkeit des Scheiterns und Abbrechens eingeplant.“ Sie zeigt stolz die Stempel der einzelnen Stationen in ihrem Pilgerpass: „Wir haben sie überall bekommen, bei Pfarreien und im Kloster Engelthal , in Metzgereien und Bäckereien, Gasthöfen und Gemeinden. Nur nicht im Fuldaer Dom “, ergänzt sie - und stellt ihre notdürftig geklebten Wanderschuhe wie einen Pokal aufs Gras. Der durchtrainiert wirkende Musikprofi Klemisch fügte seinem schweren Gepäck gar seine Übungsgitarre hinzu, samt Kasten mehr als fünf Kilo schwer. Heute räumt er ein: „Nach drei Tagen waren wir platt.“ - „Ich war da vollkommen am Ende“, bricht es aus seiner Gattin Elke heraus, welche die neun Tage bis Fulda mit gereizter Achillessehne und Knieproblemen durchhielt. „Die Wege waren oft etwas steinig“, moniert Freundin Petra, „eigentlich habe ich davon geträumt, mich öfter mal in zartes, weiches Gras zu legen oder ins Moos. Und dann kam im Vogelsberg so ein Sch…wetter.“

„Es war ein großes Erlebnis“

Woher kam die Motivation, solche Strapazen auf sich zu nehmen? „Ich habe es als Teststrecke für den Jakobsweg angesehen oder für den bis 2012 angekündigten Hugenottenweg von Südfrankreich bis Nordhessen“, sagt die auch in Theologie bewanderte Tempelseerin. Über religiöse Motivationen wollen die drei, die ein durchaus kritisches Verhältnis zur Amtskirche haben, jedoch nicht so gern sprechen. Sie sind sich aber einig: „Es war ein großes Erlebnis. Wir haben unglaublich viele nette Leute getroffen, die sich viel Zeit für uns genommen und uns weitergeholfen haben. Das war echter Urlaub, dazu ein Fitnessprogramm. Einmalig, mit eigenen Füßen die weiträumigen Landschaften zu erwandern, die Stille zu erleben in den Wäldern.“ Am Wegesrand gab es dazu frische Früchte: „Mit Kirschen ging`s los, dann kamen Johannisbeeren und Waldhimbeeren dran, zur Krönung gab es Heidelbeeren“.

Durch die Weite der Wetterau Richtung Fulda. Hier passierten die Bonifatius-Wanderer die wogenden Felder bei Karben.

Dazu traf man auf Störche in den Nidderauen. Erstaunlich auch die Reaktionen wildfremder Leute auf die kleine Pilgergruppe. „Seid ihr heilig, betet ihr viel?“ fragte ein weitgereister Franzose in der „Hessestubb“ von Eckartsborn. „Als wir im Gästehaus von Kloster Engelthal übernachten wollten, sah man uns nicht für so heilig an. Die Nonnen hielten uns mit der Zimmervergabe etwas hin“, bemerkt Elke Klemisch. „Aber in Eschborn gab es ermäßigte Pilgerpreise, und auch im verräucherten Sir-Williams-Pub in Bad Weilbach war der Wirt ganz reizend. In Dortelweil haben sie extra einen Biergarten für uns aufgemacht“. „In einer Metzgerei bot man nicht nur Frühstück an, sondern verwies routinemäßig auf eine Obdachloseneinrichtung . „Wahrscheinlich haben wir echt alt ausgesehen an dem Tag“, frotzelt Petra Ryssok.

Dann kommt Rudolf Klemisch zum Grundsätzlichen. „Wir hatten immer das Ziel Fulda im Auge , das wollten wir erreichen. Aber den Weg dahin musste jeder für sich allein gehen, im eigenen Rhythmus. Warten des Schnelleren auf den Langsameren war selbstverständlich. Insgesamt hat sich ein Gefühl erholsamer Langsamkeit durchgesetzt.“

Dieses Buch soll Bonifatius im Augenblick seines Todes über sich gehalten haben.

Aber schwer ist es am Anfang “, wirft Petra Ryssok-Lema ein, „jeden Tag wieder raus, bei jedem Wetter. Und weiter 15, 18, 20 Kilometer laufen. Da ist abends manchmal schon der erste Stock der Unterkunft zu hoch.“ Und da geht Notwendiges wie das Trocknen frisch gewaschener Wäsche auf einem Spielplatz oft vor Kultur. Kloster Konradsdorf lag zu weit abseits vom Höhenweg. Aber man war in der Altstadt von Ortenberg , sah die gotische Marienkirche mit dem berühmten Altar und das auf die Decke gemalte wie draußen gepflanzte Paradiesgärtlein Hildegard von Bingens. Auch der Besuch des einzigartigen Musikinstrumentenmuseums in Lißberg war ein Höhepunkt.

Informationen zu Weg und Übernachtungsmöglichkeiten gibt es auf der Internetseite der Bonifatius-Route.

Am Eisenkunstgussmuseum Hirzenhain stand Rudolf Klemisch vor verschlossenen Türen. Für Fulda ließ sich das harmonische Trio Zeit. Es besichtigte den Dom, die alte Michaelskirche und das Barockviertel. Bonifatiusschätze des Dom- und Vonderau-Museums ließ man dann links liegen: „Das lässt sich nachholen.“ Der kulturhistorische Bezug zu Bonifatius war ja per pedes längst hergestellt, in einer Art Heimatkunde mit den Füßen. Auch die selbstzweiflerische Anfangsfrage „Schaffe mer des?“ ist nun eindeutig beantwortet.

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