Undichte Klinik-Unterwelt

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Die Strahlenklinik von Prof. Nikolaos Zamboglou genießt europaweit einen hervorragenden Ruf.

Offenbach - Das neue Klinikum Offenbach, mindestens 160 Millionen Euro teuer und seit Anfang 2010 als fertiggestellt geltend, erhebt sich über einer massiven Betonwanne. Die soll dem in der Gegend am Starkenburgring bekanntermaßen hoch stehenden Grundwasser Paroli bieten. Von Thomas Kirstein

Die Betonung liegt auf „soll“: Denn im östlichen Teil des Komplexes haben Baufirmen nicht nach allen Regeln von Kunst und Handwerk gearbeitet. „Eigentlich ist das Gebäude so konzipiert, dass nichts reinkommt“, sagt Prof. Dr. Norbert Rilinger, der Ärztliche Direktor, als gestern der Presse die Misere erläutert wird. Irgendwo gibt’s in der Klinik-Unterwelt eine Undichtigkeit, Wasser dringt ein und durchfeuchtet einen technisch ganz empfindlichen Teil des Offenbacher Krankenhauses.

Dr. Nikolaos Zamboglou ist der betroffene Chefarzt. Am Wochenende ist ein Teil seiner Strahlenklinik erst einmal geschlossen worden. Eine provisorische Trockenmauerwand trennt die feuchtesten Räume ab; sie werden jetzt trockengelegt und anschließend saniert.

Baufirma soll Kosten übernehmen

Wer die Kosten in noch ungeschätzter Höhe letztlich tragen muss, ist für Klinik- Geschäftsführerin Franziska Mecke-Bilz im Grundsatz klar: die Baufirma, die dort gepfuscht hat. Aber die will erst einmal eindeutig als Schuldige identifiziert sein.

Schützend verpackt ist einer der beiden Linearbeschleuniger des Klinikums, das 1,7 Millionen Euro teure und tonnenschwere Gerät, mit dem Patienten bestrahlt werden, kann nicht mal eben so aus dem feuchten Untergeschoss geschoben werden.

Die Patienten sollen von den Widrigkeiten nichts mitbekommen. Prof. Zamboglou und sein Team stellen die Versorgung sicher, indem sie früher beginnen und Sonderschichten in den weniger betroffenen und am Wochenende sanierten Räumen einlegen. Weiterhin werden am Tag 50 bis 60 Krebskranke behandelt. Keine einzige Therapie soll ausgefallen sein.

Keine Gefahr für Patienten

„Eine Gefahr für Patienten hat nie bestanden“, versichert Zamboglou. Weder durch den Schimmel, der sich bereits am Fuß einiger Wände gebildet hatte, noch - die Befürchtung liegt bei einer Strahlenklinik nahe - durch Radioaktivität. „Die Geräte haben keine radioaktive Quelle, es strahlt erst, wenn eingeschaltet wird“, erläutert der Chefarzt. Linearbeschleuniger sind durchaus mit Röntgengeräten vergleichbar - sie strahlen nur tausendmal stärker.

Momentan muss die Strahlenklinik mit einem von zwei Linearbeschleunigern auskommen

Auch vor Schimmel muss sich niemand fürchten, dem der Weg in die Strahlenklinik nicht erspart bleibt. Der stark betroffene Bereich, in dem mittlerweile Pumpen arbeiten, ist hermetisch abgetrennt. Bei Raumluftmessungen seien keine Schimmelpilzsporen registriert worden, teilt Jörg Schulze, der Leiter der Krankenhaushygiene, mit. Befallener Gipskarton wich schimmelresistenten Zementfaserplatten. Mit Ursachenforschung und anschließendem Sanierungsplan betraut sind als Projektleiter Titus Kinzler, der Geschäftsführer der Klinik-Tochter OKM und als beauftragter Gutachter der Ingenieur Erik Seidel. Die beiden haben schon einen Verdacht, wo die undichte Stelle sein könnte, da sich durch die ein Meter dicke Bodenplatte kaum Wasser nach oben drücken kann: ausgerechnet am massivsten Teil des Fundaments, an der 1,80 Meter dicken Strahlenschutz-Außenwand.

Erneuter Wassereinbruch nach Schaden im letzten März

An diese von außen heranzukommen, gestaltet sich laut Ingenieur Seidel nicht einfach. Es muss erst Erdreich bis auf sechs Meter Tiefe ausgehoben werden. Gestern wurde eine sogenannte Entlastungsbrunnenbohrung an der östlichen Außenwand vorgenommen, um das Grundwasser abzuleiten.

Es ist nicht der erste Fall von feuchtem Pfusch am Offenbacher Neubau. Im März 2011 berichtete unsere Zeitung von Wasserschäden in der Abteilung Strahlenphysik. Deren Büros mussten geschlossen werden, die benachbarte Pathologie zog vorsichtshalber in den Altbau zurück. Ursache waren unzureichend isolierte Wände in den vier Lichthöfen. Gerüchte, im schon älteren Rebentisch-Zentrum für ambulante Operationen seien OP-Säle wegen eines Wasserschadens nicht nutzbar, haben sich nicht bestätigt. Allerdings war laut Klinik-Sprecherin Marion Band eine kurzzeitige Sperrung nötig, weil es wegen einer verstopften älteren Wasser- oder Abwasserleitung nasse Füße gegeben hatte.

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