Unerwarteter Gegenwind

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Nur Kosmetik? Die Lufthansa rüstet 25 Maschinen des Typs Boing 737 mit leiseren Triebwerken aus. Die Aktion ist Teil des sieben Punkte umfassenden Maßnahmenpakets „Aktiver Schallschutz“, mit dem die Region vom Fluglärm entlastet werden soll.

Offenbach ‐ Der Herr Professor zeigt Nerven: „Wählen Sie mich ab. Wenn Sie das heute Abend hier tun, lege ich mein Amt nieder, meine Familie wird sich freuen.“ Von Matthias Dahmer

Es ist Donnerstagabend im großen Sitzungssaal des Rathauses, und Johann-Dietrich Wörner vom Vorstand des Forums Flughafen und Region (FFR), hat einen schweren Stand. Gegen rund 150 fluglärmgeplagte Offenbacher, die in der Mehrzahl keinen Hehl daraus machen, dass sie sich von dem Maßnahmenpaket, das das FFR unter der Überschrift „Aktiver Schallschutz“ geschnürt hat und im Rathaus vorstellt, nichts versprechen.

Er hatte sich den Info-Abend anders vorgestellt: „Ich gehe betroffen von hier weg“, so FFR-Vorstand Professor Johann-Dietrich Wörner in seinem Schlusswort.

Als „kosmetische Maßnahmen im Promillebereich“ wird Hartmut Wagner von der BI Luftverkehr Offenbach (BIL) das Paket im Verlauf der rund zweieinhalbstündigen Diskussion bezeichnen - der Applaus des Publikum ist ihm gewiss. Auch die Forumsvertreter auf dem Podium räumen ein: Es wird nicht leiser über der Stadt, die Anflüge auf die neue Nordwestbahn fressen jegliche Entlastungsmaßnahme auf. Es werde lediglich eine „Abnahme von der Zunahme“ geben, formuliert Offenbachs Flughafendezernent Paul-Gehard Weiß. Für die Stadt, die schon jetzt 75% der Anflüge zu verkraften habe, seien die Maßnahmen nichts anderes als „Spurenelemente“. Weiß hätte es deshalb besser gefunden, wenn man das Paket nicht als eine Entlastung, sondern als ein Ausprobieren neuer Möglichkeiten verkauft hätte.

Dennoch: Thomas Jühe, Vorsitzender der Fluglärmkommission und Bürgermeister im auch nicht gerade leisen Raunheim, wird nicht müde, die Chancen zu betonen, die das Paket bietet. Die Kommunen um den Flughafen hätten sich ihr Mitspracherecht erkämpfen müssen, vor Jahren wäre so etwas noch undenkbar gewesen.

Insgesamt sieben Maßnahmen enthält das Schallschutz-Paket. Sie reichen vom Umrüsten eines Teils der Lufthansa-Flotte (25 Maschinen des Typs Boing 737) auf leisere Triebwerke, über steilere Anflugwinkel und eine Erhöhung der Rückenwind-Komponente, die noch mehr Anflüge über Offenbach bringen würde (ihr werden inzwischen aber nur noch wenige Chancen eingeräumt) bis hin zum bereits versuchsweise praktizierten gekrümmten Anflug.

Von letzterem, bei dem die Flieger über Obertshausen und Heusenstamm gelotst werden, versprechen sich die Fachleute die größte Entlastung. Seit 18. Januar laufen die nur in der verkehrsarmen Nacht möglichen Tests. Die Piloten der Lufthansa-Frachtmaschinen, die als erste ausprobieren dürfen, hätten sich an vorgeschriebene Höhe und Route gehalten, berichtet Günter Lanz vom Umwelt- und Nachbarschaftshaus, einer GmbH des Landes. Vom 10. Februar an, so Lanz, werde das satellitengestützte geknickte Anflugverfahren auch für die anderen Fluggesellschaften freigeben. Ob das Verfahren auch auf die neue Nordwestbahn anwendbar ist, werde noch geprüft.

„Wir stehen zum Nachtflugverbot“

BIL-Mann Hartmut Wagner hält auf dem Podium dagegen: Die Deutsche Flugsicherung habe ihm mitgeteilt, der geknickte Anflug sei nur in der Nacht möglich. „Wenn doch das Nachtflugverbot kommt, warum dann Ballyhoo um dieses Verfahren“, so Wagner. Und er fasst das spürbare Misstrauen der Offenbacher in Worte: Das Schallschutz-Paket sei eine Ausbau begleitende Maßnahme, die Mitglieder des FFR seien allesamt von der Landesregierung berufen, ein Verhandeln auf Augenhöhe mit den Ausbau-Befürwortern sei so nicht möglich.

„Wir stehen zum Nachtflugverbot. Keine planmäßigen Flüge zwischen 23 und 5 Uhr“, wirbt Professor Wörner erneut um Vertrauen. Und ein genervter Thomas Jühe entgegnet dem Publikum: „Wir haben den Ausbau nicht beantragt.“ Das Maßnahmenpaket bezeichnet er als „zartes Pflänzchen“, das man nicht in die Tonne treten dürfe.

Hans-Rudolf Diefenbach, streitbarer Offenbacher Apotheker, kritisiert, das Maßnahmenpaket lasse die gesundheitlichen Auswirkungen außer Acht.

Und er plädiert dafür, eine Art „Offenbach 21“ zu initiieren. Ingrid Wagner von der BIL befürchtet, das Paket lenke nur vom Ziel des Nachtflugverbots ab und könne das Bundesverwaltungsgericht zur Einschätzung verleiten, das Verbot sei der Region nun nicht mehr so wichtig.

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