Unerwünschte Botschaften

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Schöne Bescherung: Am Samstag entdeckte das Kita-Team die Schmierereien in der Fritz-Erler-Straße 5.

Offenbach - Die Eintracht verewigte sich am Sonntag mit einem weiteren Sieg in der Derby-Statistik. Frankfurter Fans machten das ebenfalls - auf unschöne Weise. „SGE“ und „BL“ war knallrot auf die Fassade der Krabbelstube Tagträume in der Bieberer Fritz-Erler-Straße 5 geschmiert. Von Martin Kuhn

Aussage und Nähe zum Stadion legen den Schluss nahe, dass hier Anhänger der Sportgemeinde wirkten. Eine Anzeige ist erstattet. Ob die „Künstler“ jemals geschnappt werden, ist fraglich.

Polizeisprecher Ingbert Zacharias: „Wenn lediglich einzelne Buchstaben an die Wand geschmiert sind, ist eine Identifizierung nahezu unmöglich.“ Nichts desto trotz wird in solchen Fällen die AG Sprayer des Präsidiums aktiv: Die Beamten fotografieren die Schmierereien und vergleichen sie mit ihrer umfangreichen Sammlung. Wie gesagt: In diesem Fall wird’s schwierig. Auf den Kosten für die Beseitigung der Farbe bleiben wohl die Eigner der Liegenschaft sitzen.

Das dürfte auch die Hausbesitzer treffen, denen andere Zeitgenossen etwas sprühten. An der Geschwister-Scholl-Schule und an diversen Briefkästen prangten die Schriftzüge: „Pöbel und Gesocks“ oder „OFC“. Die Schmierereien an der Bieberer Lehranstalt wurden zwischenzeitlich entfernt, berichtete gestern eine Leserin, die sich über diese Verunstaltung aufregt. Es ist ein leidiges Dauerthema - nicht allein in Offenbach. Was für die einen zur städtischen Subkultur zählt, ist für die anderen purer Vandalismus.

Auch nicht besser: Die mit Schablone gesprayte Botschaft „Pöbel und Gesocks“.

Moderne Graffiti, auf öffentlichkeitswirksame Flächen gesprühte, gemalte oder gekratzte Bilder, Buchstaben und Symbole, haben ihre Ursprünge in amerikanischen Ballungsräumen. Ende der 70er Jahre gab es die ersten bunten und großformatigen Malereien und Schriftzüge an Hauswänden und Bahn-Waggons. An den, „tags“ und „pieces“ genannten, Initialen und Bildern fanden bald auch deutsche Jugendliche Gefallen. Verbote und teils empfindliche Strafen halten die jungen Leute kaum ab: Auf bis zu 500 Millionen Euro schätzen Experten die Schäden, die bundesweit durch Farbattacken verursacht werden - und das Jahr für Jahr.

Die Stadt Offenbach hat ihren Kampf gegen Graffiti seit 2008 verstärkt. Grund: Allein die Wohnbau-Gesellschaften haben im vergangenen Jahr rund 40 000 Euro für die Beseitigung der Zeichen und Schriftzüge an ihren Liegenschaften aufgebracht, das kommunale Gebäude-Management weitere 42 000 Euro. Nicht erhoben sind die Summen, die Privateigentümer fürs Entfernen der Botschaften hinlegen mussten.

Mehr Infos zu Graffiti finden Sie hier

In der Stadt Offenbach hat die Polizei im Vorjahr 46 Graffiti-Delikte registriert; ermittelt wurden acht Verdächtige, denen elf Taten nachgewiesen wurden, was einer Aufklärungsquote von 24 Prozent entspricht. Hierbei handelte es sich um zwei Kinder unter 14 Jahren, einen Jugendlichen und um drei Heranwachsende im Alter von 18 bis 20 Jahren. Seit Januar verzeichnete das städtische Ordnungsamt zwölf neue Anzeigen der Baugesellschaften. Hinweise auf Täter gab es bislang nicht. Da half selbst die Auslobung von Belohnungen von bis zu 1000 Euro nichts.

Allen Maßnahmen zum Trotz: Die Zahl der illegalen Graffiti in deutschen Großstädten nimmt weiter zu. „Ein Ende ist nicht abzusehen“, sagt Manfred Sperling von der Gütegemeinschaft Anti-Graffiti. Um das Unrechtsbewusstsein der Sprayer zu schärfen, startete die Polizei diverse Aufklärungskampagnen. Die Botschaft: „Wer mit 16 Jahren beim illegalen Sprayen erwischt wird, läuft Gefahr, bis zu seinem 46. Lebensjahr dafür zur Kasse gebeten zu werden.“ 

Info: Die Sprache der Sprayer

Die jugendlichen Sprayer haben nicht allein eine besondere Form der Mitteilung, auch die Szenesprache ist sehr speziell. Die Polizei hat eine Art Wörterbuch erstellt. Eine Auswahl:

BURNER: Hochwertiges oder großartiges Bild an einer exponierten Stelle.

CAN: Sprühdose

CROSSEN: Übersprühen eines vorhandenen Pieces.

CRU: Zusammenschluss von Sprayern zu einer Gruppe.

FAME: Ruhm, Ehre, Bekanntheit. Nur durch illegales Graffiti erlangbar.

HOME BOYS: Zuarbeiter des Sprühers, wie etwa Aufpasser oder Schmieresteher.

KING: Sprayer mit großem Bekanntheitsgrad. Steht an der Spitze der Szenen-Hierarchie.

TAG: Individueller Name eines Sprayers. Aus dem US-Englischen „Etikett“ oder „Markierung“.

PIECE: Gesprühtes größeres Bild in Tag-Form oder als Character.

STEELTRAIN: Züge der Deutschen Bahn.

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