In Autobahnbaustellen wird oft zu schnell gefahren - Risiko steigt an Überleitungen

Vollgas in die Garage

Offenbach - In Autobahnbaustellen wird oft zu schnell gefahren - Risiko steigt an Überleitungen. Von Carsten Müller

„Ich kann den Kollegen keinen Vorwurf machen. Das sind alles Profis, die sich bei der Einrichtung von Baustellen an die Regelwerke halten.“ Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), nimmt die Straßenbauverwaltung beim Angstthema Autobahnbaustellen in Schutz.

„Das Problem sind die hohen Geschwindigkeiten, mit denen Pkw in diesen Abschnitten unterwegs sind. Ich wundere mich, wie jemand auf einer zwei Meter breiten Spur noch Lkw überholen kann, obwohl diese schon mit Höchstgeschwindigkeit unterwegs sind. Die Spurbreite entspricht der Öffnung eines Garagentors. Und da fährt auch niemand mit 100 km/h hinein.“ Statistisch erwiesen ist, dass die Unfallschwere (Getötete je 1000 Unfälle mit Personenschaden) in Baustellen um den Faktor 1,6 weniger gering ist als auf baustellenfreien Abschnitten. Dies ist insbesondere auf die geringere tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit zurückzuführen.

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Zu diesem Ergebnis kommt auch eine von der UDV veranlasste und 2012 veröffentlichte Untersuchung der TU Dresden: „Die Folgen von Unfällen auf Autobahnbaustellen sind zwar gegenüber den baustellenfreien Autobahnabschnitten durchschnittlich weniger schwer. Allerdings sind insbesondere der Baustellenbeginn, das Baustellenende, die Verschwenkungen, die Überleitungen sowie die Behelfsanschlussstellen Problembereiche der Verkehrssicherheit.“ An den drei letztgenannten Problemstellen steigt das Unfallrisiko um das Dreifache. Überdurchschnittlich häufig sind Lkw in Baustellenunfälle verwickelt, an besonders gefährlichen Abschnitten wie Verschwenkungen und Überleitungen sind sie sogar an 70 Prozent der Unfälle mit mehreren Fahrzeugen beteiligt. Unfallrisiko und Unfallschwere sind generell innerhalb der Baustellen höher als im Vorlauf-, Annäherungs- oder Nachlaufbereich. Ob das im Zusammenhang mit verengten Fahrstreifen steht, wurde aber nicht ermittelt.

Schwerer Unfallfolgen in Baustellen

Im Annäherungsbereich vor der Baustelle, wo das Höchsttempo per Beschilderung stufenweise gedrosselt wird, ereignen sich zwar nicht wesentlich mehr Unfälle, die Folgen sind aber schwerer wegen deutlich überhöhter Geschwindigkeiten. Das hohe Tempo wird meist beim Einfahren in die Baustelle beibehalten, weshalb es in Verschwenkungen und Überleitungen besonders oft zu seitlichen Berührungen kommt. Auffahrunfälle und Unfälle durch Abkommen von der Fahrbahn häufen sich dagegen in den Überleitungen, die aber entschärft werden können, wenn dort das Tempo auf 60 km/h reduziert wird. Das Unfallrisiko sinkt dann um das Dreifache.

„Der Einfluss der Fahrstreifenbreite allein auf das Unfallgeschehen ist differenziert zu bewerten“, heißt es in dem Papier. Bei 80 km/h Höchstgeschwindigkeit sind es besonders Autobahnabschnitte mit einer Gesamtbreite von 5,75 m, die ein sehr hohes Unfallrisiko aufweisen. Schmale Stellen sind nicht per se ein Risiko, denn auch hier sind die Unfallraten immer noch geringer als auf freier Strecke.

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Aus der Untersuchung leiten die Unfallforscher unter anderem folgende Forderungen ab: „Um den sicheren Betrieb einer Baustelle bei 80 km/h zu gewährleisten, sollte die Mindestbreite linker Fahrbahnstreifen daher 2,75 m, die des rechten Fahrstreifens mindestens 3,25 m betragen. Wenn diese Mindestbreiten nicht einzuhalten sind, ist eine geringere zulässige Höchstgeschwindigkeit von maximal 60 km/h anzuordnen.“ Für Siegfried Brockmann ist die Bemessung der Fahrbahnbreiten aber vor allem eine Frage der Alternativen. „Wenn ich wegen der gewünschten Breite nur noch eine Richtungsfahrbahn einrichten kann, erhöhe ich die Stauwahrscheinlichkeit und damit auch wieder die Unfallzahlen.“ Szenarien, wie wir sie in diesen Tagen erlebt haben, lassen sich nur vermeiden, wenn jeder Verkehrsteilnehmer sich an die Regeln hält. Aber das ist wohl ein frommer Wunsch.

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