Ungenutztes fliegt aus dem Regal

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Gudrun Kulzer hat sich durch einige Neuerungen in der Stadtbibliothek schon viel Kritik eingehandelt. Um neue Abteilungen schaffen, aber auch um die Bücher ansprechender präsentieren zu können („Wer greift schon gerne in ein brechend volles Regal?“), wurde der Bestand gelichtet.

Offenbach ‐ „Wenn man so viele Ideen hat, muss man schauen, dass es im Fluss bleibt.“ Seit gut einem Jahr ist Gudrun Kulzer Leiterin der Stadtbibliothek. Sie hat schon einiges angepackt und noch vieles vor. Von Simone Weil

„Wir haben vieles im Team besprochen, aber ich treibe die Dinge voran“, erzählt sie. Schnell führte sie die „Bücher-Rasselbande“ ein für Kinder von zwei bis drei Jahren: Nach dem Vorlesen wird gesungen, gespielt, gebastelt und vor allem „Sprache geübt“. Das Angebot für maximal acht Kinder kommt gut an und soll dank einer Mitarbeiterin türkischer Abstammung bald zweisprachig laufen.

Innerhalb kürzester Zeit bewährt hat sich auch der sogenannte „Referate-Coach“, der Schülern ab der fünften Klasse bei der Recherche hilft. Die Fachfrauen nehmen Schülern keineswegs die Arbeit ab, sondern unterstützen sie bei der Suche nach Material.

  • Die Stadtbibliothek ist eine kommunale Bücherei der Stadt, wurde 1907 gegründet und war die erste Freihandbücherei Deutschlands.

Gestern wurde die Elternbibliothek eröffnet. Gleich am Eingang springt einen das freundliche Rosa an, dass die neue Abteilung markiert. Die Bilderbuchkiste zum Stöbern soll den Nachwuchs unterhalten. In der neuen Abteilung werden übersichtlich alle Medienarten - neben Büchern auch DVDs, CD-Roms und Hörbücher - aus dem Sachbuchbestand präsentiert. Die Nutzer der Abteilung sollen aus 1000 bis 1200 Exemplaren wählen können. Stichworte wie Pubertät, Schwangerschaft, Vorschulerziehung oder Lese-Rechtschreibschwäche helfen bei den fächerübergreifenden Werken aus Medizin, Psychologie, Pädagogik und anderen dabei, zu finden, was man will. Projektmittel gab es von der Leseförderung.

  • Der Bestand umfasst etwa 130.000 Medieneinheiten.
  • 1952 folgte der Umzug an den Linsenberg, 1984 in den Bernardbau, 1986 bezog die Bücherei einen Flügel des Büsingpalais.

Eine weitere Neuerung stellt die „Teenie-Bibliothek" dar: Dafür wird derzeit im ersten Stock ein Raum hergerichtet, der mit 25 bis 30 Arbeitsplätzen, aber auch mit einem Sofa ausgestattet ist. Er soll eine lässig, legere Atmosphäre ausstrahlen. Eine leuchtend orangefarbene Wand kündet bereits an, dass dort junge Leute zwischen 13 und 20 Jahren das Sagen haben werden. Ein Teil des Raums ist dem Lernen vorbehalten, der andere steht für Spiel und Spaß zur Verfügung. „Wir haben uns ausführlich umgeschaut und meine Mitarbeiterinnen haben viele Ideen eingebracht", sagt Gudrun Kulzer. Neues Mobilar und weitere Anschaffungen beziffert sie auf 25.000 bis 30.000 Euro, die durch Landesmittel und Sponsoren gedeckt werden sollen.

  • 1969 wurde eine Filiale in Lauterborn eröffnet, 1992 aus Kostengründen wieder geschlossen.

Um Platz zu schaffen für die Umgestaltung, aber auch um besonders ansprechende Titel - wie in der Buchhandlung - von vorne zeigen zu können, mussten Bücherreihen gelichtet werden. Beim Durchforsten und Ausmisten blieben 18 Prozent des Bestandes auf der Strecke. Was auf den ersten Blick radikal wirkt, ist für die Stadtbücherei-Leiterin eine Selbstverständlichkeit: „Eine öffentliche Bibliothek hat keinen Archivcharakter“, sagt sie. „Es fliegt raus, was nicht genutzt wird.“ Und was „inhaltlich und äußerlich veraltet“ ist. Eine jährlich Reduzierung von etwa elf Prozent der Medien würde bereits im Studium empfohlen. Kulzer: „Wir haben uns gefragt, was wichtig ist und was hier ewig steht und seit zehn Jahren nicht mehr ausgeliehen wurde.“

Auch für die Artothek sucht die Hausherrin einen neuen Platz, denn die sind „in Bibliotheken kein Thema mehr“. Schließlich wurde Kunst nur noch ein- bis zweimal im Jahr ausgeliehen. Alte Bestände aus der Musikbibliothek wie historische Noten sieht sie künftig im Stadtarchiv besser aufgehoben.

  • Seit 1965 gibt es (mit Unterbrechungen) einen Bücherbus.

Mit einigen dieser Neuerungen hat Gudrun Kulzer sich keine Freunde gemacht. „Neue Besen kehren gut, hat einer auf einem Beschwerdezettel geschrieben“, erzählt sie freimütig. Auch beim Zeitschriftenangebot hat sich einiges verändert, was wiederum die Stammkundschaft nicht sonderlich begeistert. Blätter übers Tauchen oder auch die „Reiter-Revue“ wurden eingespart. Allerdings habe es zuvor eine nicht repräsentative Umfrage unter 200 Nutzern gegeben. Sie waren gefragt worden, was sie gerne lesen würden. Wöchentlich erscheinende Zeitschriften liegen zum Lesen aus, monatlich erscheinende Publikationen können neuerdings 14 Tage lang ausgeliehen werden. Gerade dieser Modus hat schon einige Kritiker auf den Plan gerufen. „Wir werden auch an Ausleihzahlen gemessen“, erklärt Kulzer. Doch sie signalisiert Gesprächsbereitschaft, sollte sich die Methode nicht bewähren: „Das ist für mich nicht in Stein gemeißelt.“

Zentrale Anlaufstelle ist jetzt gut sichtbar

Hörbücher und DVD wurden gebündelt und sind nahe am Ausleihtresen zu finden. Die zentrale Anlaufstelle ist jetzt gut sichtbar, wenn man die Bücherei betritt. Dafür musste das Metallgestell weichen, das in der Mitte stand. Holzelemente ließ die Büchereichefin weiß streichen, „damit es heller wirkt“.

„Ich will zeigen, dass Bibliotheken attraktiv sind“ lautet das Credo der 53-Jährigen. Dazu gehört für sie auch die entsprechende technische Aufrüstung: Die „Onleihe“, bei der digitale Medien über die Homepage der Bibliothek genutzt werden können. Der Start, der durchs Land gefördert wird, ist für Oktober angepeilt. „Das gehört zu einer Großstadt dazu“, meint Gudrun Kulzer. „Ich möchte da nicht hinten anstehen.“

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