Ungereimtes in Verse gepackt

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Das Lied von der kleinen, frechen Biene Maja kennt nahezu jeder. In Bürgel ist sie vor allem frech, bohrt bei den Raga-Röchlern den Stachel in lokale Wunden.

Offenbach ‐ In der Fastnacht gibt es viele gut gehütete Geheimnisse. Das allergrößte: Wer darf als Prinzenpaar regieren? Kaum weniger gewichtig ist die Frage, welche Brust mit hohen Orden geschmückt wird. Mal abseits von Jokusstab und Narrenkapp: Oft weiß man’s schon vorher. Von Martin Kuhn

In diesem Fall aber hat der beschworene Buschfunk beharrlich geschwiegen. Bei der Bürgeler Ranzengarde tritt die nächste Generation nach vorn, selbst wenn einiges in der Familie bleibt.

„Hört Ihr Leut’, lasst Euch sagen“, so grüßte gut 30 Jahre lang Fred Stephan als Nachtwächter bei Galasitzungen. Aus und vorbei. Fortan ist es an der Marktfrau und dem Gardetrommler, lokale Ungereimtheiten in Versform zu bringen. Die Premiere von Dagmar Winter und Tobias Stephan, frech im Inhalt, furios im Vortrag, lässt nur wenige im ausverkauften Saal grummeln. Und die sind meist selbst schuld - wie man im weiteren Verlauf des Abends erfährt. Allen voran erhält Verwaltungschef Horst Schneider Saures, aber auch Bürgermeisterin Birgit Simon ist gut dabei. Etwa ihr Versuch, für den Schultheisweiher als Badegewässer zu werben: „Im Sommer lässt sie das ganze, kämpft lieber mit de’ Wasserpflanze“, reimt die Marktfrau nach dem obligatorischen OKV-Besuch (Orden und Küsschen) und Schautanz der Raga-Sporttänzer. Duffdä, duffdä, duffdä. Ebenfalls schwungvoll auf der Bühne: die Fidelen Nassauer als tanzende Hexen.

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Abschied bei der Raga

„Nicht gestriegelt und elegant, sondern nur ein Straßenmusikant.“ Harry Borgner schlurft in den Saal, schrubbt über die sechs Saiten und quetscht schiefe Töne raus: „Sag mir, wo die Blumen sind...“ Komponist Pete Seeger hätte sich geschüttelt. Und auch das Publikum tut es - vor Lachen. Borgner interpretiert das originäre Antikriegslied für bekannte Größen - Herbert Grönemeyer etwa oder Roger Whittaker und Udo Lindenberg. Der reine Wahnsinn. In der Fußgängerzone wäre Borgners Hut randvoll gewesen.

Dann Eigengewächse der Ranzengarde: Marlene und Franka Mottscheller sind fesch und respektlos: „Statt balzend keck die Hüft geschwunge, hat uns der Vorstand heut gezwunge, den Vortrag hier für Euch zu halte - als Gruß der Jugend an die Alte.“ Mit viel Wortwitz ziehen die Schwestern unter anderem den ehrwürdigen Elferrat ganz gehörig durch den Kakao. Sitzungspräsident Wolfgang Zühlke befindet den Auftritt als sehr gelungen - „bis auf die letzten zehn Minuten...“

Betty mit ihren Berjel-Boys (alle Texte von Andrea Stephan und Mario Dorn, Musik von Alois Simrock, Thomas Kühn und Roland Maith) zielen in Richtung Rathaus. Annett Louisans Lied „Drück die Eins“ haben sie kräftig auf Offenbach gebürstet: „Brauchst du Hilfe bei ’ner Frage, hast du en Problem in jeder Lage, dann rate ich dir, wend’ dich vertrauensvoll an unsern Oberbürgermeister, denn das meiste, glaubt er, weiß er, doch so langsam haben wir die Nase voll - Wähl’ die Null.“ Oh je, ein Oberbürgermeister hat’s nicht leicht. Aber auch der Landesvater kriegt kräftig eine für den Flughafen-Ausbau mit. Dafür erhält Reinhard Meys „Über den Wolken“ eine Aktualisierung: „Doch Fraport baut längst schon aus, ist egal was Bürger sagen. Einen Baustopp sitzen die gern aus, Koch fängt an und schwingt den Spaten.“ Applaus, Tusch, Halbzeit.

Im Zeitraffer nach der Hopfenkaltschale in der wohl verdienten Pause: Einzug der Elfen mit frischem Ton, schwungvoller Tanz der Langener Karneval Garde, Anja Fröhlich und Steffi Russ mit einer auflockernden Würmer-Nummer, Bütten-Ass Horst Dieter Radelli als mächtige Alternative zu Horst Schlämmer, dem gewichtigen und aufgestockten Herren-Ballett (Raga-Gazellen und BWR-Delphins) und dem feinen Humor von Oma Lenchen, die übrigens die Stadt in bester Gesellschaft sieht: „Was haben Offenbach und Dubai gemeinsam? Schulden.“

Erst bebt die Bühne, dann der ganze Saal

Zum Finale die Röchler; kunterbunte Gesang- und Schautruppe der Bürgeler Ranzengarde. Das Motto: im Dschungel, wo sonst. Der Hauptakteur: Horst Schneider, wer sonst. Das Thema: der Wilhelmsplatz, was sonst. Tja, und das geht so, frei nach den zehn verschwundenen Negerlein (was natürlich heute politisch inkorrekt ist): „Sieben schöne Kastanienbäume, die standen auf dem Wilhelmsplatz. Bei Nacht und Nebel kam der OB, sägt einen ab ratzfatz.“ Da bebt erst die Bühne, dann der ganze Saal. Und natürlich endet der unterhaltsame, (lach)tränenreiche und böse Samstagabend mit dem Klassiker „Fiesta hier am Main“.

Mit roten Backen versammeln sich die Akteure im Untergeschoss: „Und, wie war’s?“ Gut. Sehr gut. Nur Horst Schneider dürfte sich ärgern und sollte auf der Hut sein. Denn Andrea Stephan und Mario Dorn versprechen: „In de nächst Kampagne werd widder gesunge...“

Abschied bei der Raga: Fred Stephan notierte als Nachtwächter 30 Jahre aufmerksam und kritisch das Geschehen nicht allein in Bürgel. Seine Laterne ist nun verloschen. Die Nachfolge ist geregelt - frech, scharf und respektlos.

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