Unglückliche Verkettung

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Stattliche Wilhelmsplatzbäume endeten als Kleinholz vor Klein-Köln.

Offenbach - Ein pensionierter Bereichsleiter, ein Ingenieur mit gebrochener Hand, ein urlaubender Sachbearbeiter, eine überlastete Amtsleiterin, ein mit Offenbach nicht vertrauter „Leih-Ingenieur“: Oberbürgermeister Horst Schneider sparte nicht mit Details. Von Alexander Koffka

Ausführlich legte er im Ausschuss dar, wie es geschehen konnte, dass vor zwei Wochen auf dem schönsten Platz der Stadt sieben Bäume gefällt worden sind. Obwohl das angeblich niemand wollte und kein Entscheidungsträger wusste.

Geplant gewesen sei das Fällen von drei Bäumen, betont Schneider. Dass zwei Kastanien und ein Götterbaum geopfert würden, um mehr Parkplätze auf dem südlichen Drittel des Wilhelmsplatzes unterzubringen, sei in einer Computersimulation und auf Plänen seit Sommer 2008 „deutlich vorgestellt“, mit Bürgern diskutiert und „keinesfalls absichtlich verschwiegen worden“. Man habe es aber versäumt, die Fällung in „gebotener offensiver Weise“ in der Informationsschrift zu erwähnen.

Dennoch habe jeder, der sich dafür interessierte, darum wissen können, dass drei Bäume fallen werden. Es findet sich aber kaum jemand, der die Absicht des Planungsamts erkannt hätte. Alle drei Kollegen im hauptamtlichen Magistrat - Bürgermeisterin Birgit Simon (Grüne), Kämmerer Michael Beseler (SPD), Stadtrat Paul-Gerhard Weiß (FDP) - sagen, sie hätten erst hinterher davon erfahren.

Als „Verkettung unglücklicher Umstände“ schildert Schneider die „unentschuldbare Fällaktion“, für die er die politische Verantwortung übernommen hat. Damit meint er, dass vier weitere Bäume abgeholzt und der gesamte Eingriff nicht - wie vorgeschrieben - auf einer stadtinternen „Baumliste“ angekündigt worden ist. Persönliche Konsequenzen soll der Einsatz der Motorsäge keine haben. Es seien weder grobe Fahrlässigkeit noch Vorsatz bei Mitarbeitern erkennbar. „Ich werde kein Disziplinarverfahren anstrengen.“ Nüchtern erklärt Schneider, was auf dem Weg zum Kleinholz schief gelaufen ist. Seine Schilderung ist so nüchtern, dass der in solchen Dingen leidenschaftlichere Edmund Flößer (Grüne) bemängelt: „Über ein Wort des Bedauerns hätten wir uns gefreut.“ Solche Worte hat Schneider durchaus gefunden, sie gingen aber unter in der Flut der Fakten, die er referierte.

Folgt man der Darstellung des OB, so haben sich Widrigkeiten, Fehler, Versäumnisse und Unzulänglichkeiten zu dem summiert, was er - in sprachlicher Analogie zur Kernschmelze im Atomkraftwerk - als „größten anzunehmenden kommunalpolitischen Unfall“ bezeichnet. Den sah er gekommen, als sich parallel zur Fällung der sieben Bäume, die auch ihn überrascht habe, die Investoren verabschiedeten, die die Umgestaltung des Wilhelmsplatzes bezahlen sollten.

Künftig werde das Umweltamt, das auch nicht über die Fällung informiert war, zu allen städtischen Bauvorhaben eine Beurteilung zu Auswirkungen auf Natur, Umwelt und Klima vorlegen, um weitere Alleingänge mit der Motorsäge auszuschließen. Barbara Levi-Wach, Aktivistin der Lokalen Agenda, die 300 Protest-Unterschriften gegen die Fällung abgab, fordert zudem, den alten Zustand auf dem Wilhelmsplatz wiederherzustellen. Davon hält der OB nichts. Grünen-Fraktionschef Peter Schneider kann sich dagegen vorstellen, entgegen bisheriger Planung auch größere Bäume auf das Areal zu setzen - jetzt, da ohnehin kein privater Investor mehr da ist, der möglichst viele Parkplätze schaffen will.

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