Hauptbahnhof Offenbach

Unikum an Tristesse

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Der Offenbacher Hauptbahnhof ist wahrlich kein Schmuckstück. Leerstehende Läden und schmuddeliges Ambiente stören Pendler wie Anwohner. Ein 120.000 Euro teures Sanierungspaket soll nun Abhilfe schaffen.

Offenbach - Wer nicht muss, verbringt seine Zeit nicht im Offenbacher Hauptbahnhof. Wer aber muss, hat, neben einem unguten Gefühl, ein echtes Problem, wenn er mal muss. Denn öffentliche Toiletten gibt es am Hauptbahnhof nicht. Von Jenny Bieniek

Genauso wenig wie einen Service-Schalter der Deutschen Bahn. Oder einen Aufzug. Oder einen Bäcker. Oder Schließfächer. Am Hauptbahnhof in Offenbach fehlt vieles, was einen solchen gemeinhin ausmacht. Um wenigstens das trostlose Erscheinungsbild des denkmalgeschützten Gebäudes zu verbessern, nehmen Deutsche Bahn und Stadtwerke Offenbach Holding (SOH) nun etwas Geld in die Hand.

Rund 120.000 Euro gehen für Fassadenkosmetik drauf. Das 139 Jahre alte Gebäude erhält einen neuen, dem ursprünglichen Farbton entsprechenden grünen Außenanstrich. Die Kosten von rund 30.000 Euro übernimmt die SOH. Betroffen von den Fassadenarbeiten sind das Hauptportal inklusive Seitenflügel zur Bismarckstraße hin sowie die zum „Biergarten“ gewandte Seite. Daneben will die Bahn mit Sandsteinreinigung, neuer Farbe und Beschilderung in der Personenunterführung sowie neuen Sitzgelegenheiten an den Gleisen nachholen, was jahrelang versäumt wurde. Parallel zum Bau eines neuen Stellwerks installierte die Bahn bereits neue Beschallungs- und Beleuchtungsanlagen. Kosten: Rund 1,2 Millionen Euro.

Eine Frau steht mitsamt Trolley allein auf dem verlassen wirkenden Bahnsteig. „Es ist schon arg heruntergekommen hier, wohl fühlt man sich nicht“, findet die Veranstaltungstechnikerin, die beruflich hin und wieder in der Lederstadt zu tun hat. Sieben Verbindungen verkehren am Offenbacher Hauptbahnhof im Schnitt pro Stunde. Vom Fernverkehr ist der Hauptbahnhof schon länger überwiegend abgekoppelt. Seit die S-Bahnen nur noch entlang der City-Trasse fahren, hat der Hauptbahnhof zusätzlich an Bedeutung verloren. Zwei- bis dreimal täglich hält dort ein IC, der Rest sind Regionalanschlüsse.

Trostloses Bild in der Empfangshalle

Die Empfangshalle bietet Besuchern ein trostloses Bild. Leere Aushängekästen, mit Gittern abgesperrte Seitengänge, verwaiste Schalter. Das Glas der versperrten Schiebetüren ist gesprungen, der benachbarte Einkaufskiosk ist laut Notiz „wegen Umbauarbeiten geschlossen“ – offenbar nicht erst seit gestern. Bahn-Mitarbeiter gibt es schon lange nicht mehr, nur Automaten. Die „Bierklause“ hat vor Jahren dicht gemacht.

Einzig ein Zeitschriftenhandel hält tapfer die Stellung und ist für Reisende die einzige Anlaufstelle. „Das wär ja ein Traum, wenn’s hier mal schöner wird“, findet Roswitha Ramsbrock, die einzige Ansprechpartnerin, die sich im Bahnhof finden lässt. Bis zu 20 Mal am Tag helfe sie Reisenden am Fahrkartenautomaten, genauso oft werde sie nach Toiletten gefragt. „Ein Kunde hat mir gestern tatsächlich in den Laden gepinkelt, weil er’s nicht mehr halten konnte“, erzählt sie. Für sie als Angestellte gebe es zwar eine Toilette, „aber da geh’ ich nicht hin, ich will ja gesund bleiben.“

Die Verkäuferin kennt den Bahnhof seit mehr als 20 Jahren. Früher sei er stark frequentiert gewesen – nicht nur von Pendlern. „Da gab’s noch Geschäfte und eine Kneipe hier, und wir hatten Kaffee und Brötchen im Angebot.“ Heute lohne sich das nicht mehr. Das Bahnhofsgebäude sei in schlechtem Zustand. „Schauen Sie mal um die Ecke, hier liegt sogar Hundekacke drin.“

Joachim Siebel ist beruflich in der Stadt, nennt den Hauptbahnhof „verkommen“. Das Erscheinungsbild passe zum Image der Stadt. Auch er bemängelt die fehlenden Ansprechpartner. „Man kann sich nur wünschen, dass man hier keinen längeren Aufenthalt hat“, so der Frankenthaler.

SOH finanziert Objekt der Bahn

Eine junge Offenbacherin, die mehrmals wöchentlich nach Frankfurt pendelt, vermisst windgeschützte Wartebereiche am Gleis und einen Aufzug. Oft helfe sie Müttern mit Kinderwagen die Stufen hinauf. Rentnerin Margot Pehal wünscht sich den Fahrkartenschalter zurück. „Wir älteren Leute kommen doch mit den Automaten nicht zurecht“, sagt sie. Sie kaufe ihre Tickets deshalb immer in der Stadt. „Und eine Toilette gehört auch auf jeden Bahnhof“, findet die 77-Jährige.

Doch warum investiert die stadteigene SOH in ein in die Zuständigkeit der Bahn fallendes Objekt? Die SOH begründet ihr finanzielles Engagement mit den Wünschen der Nachbarschaft. „Im Projekt ,Besser leben in Offenbach’ haben wir die Bürger auf verschiedenen Veranstaltungen befragt“, so Sprecher Oliver Gaksch. Der einstimmige Tenor: Es ist schade, dass der Hauptbahnhof so vergammelt.

Sabine Süßmann, Leiterin des Projekts, erklärt dazu: „Die Bahn hat nur ein bestimmtes Budget zur Verfügung, und innen muss ja auch einiges getan werden.“ Deshalb sei die Bahn vor vier Monaten auf Süßmann zugekommen und habe nach Kooperationsmöglichkeiten gefragt. „Das Gebäude gehört uns zwar nicht, aber wir kümmern und beteiligen uns gern daran“, so Süßmann. Schließlich sei der Bahnhof ein zentraler Punkt, der auf das Stadtbild wirke. Auch Gaksch sieht im Hauptbahnhof ein Wahrzeichen für den Stadtteil, der von Pendlern, Bus- und passierenden Autofahrern stark frequentiert sei. „Das Gebäude verkommen zu lassen, wäre sicher der falsche Weg für Offenbach“, so Gaksch.

Ein Bahnsprecher bestätigt indes schriftlich, was alle wissen: „Der Hauptbahnhof Offenbach hatte geringe Kundenzufriedenheitswerte.“ Deshalb habe die Deutsche Bahn AG entschieden, in die Aufenthaltsqualität zu investieren und sei auf das bestehende Angebot der Stadt Offenbach zurückgekommen. Ziel sei eine kurzfristige Aufwertung durch kleine Maßnahmen. Es sei durchaus üblich, dass sich die Kommunen an Investitionen in Bahnhöfe beteiligen. Offenbachs SPD begrüßt die geplanten Maßnahmen und glaubt, dass Fahrgäste den Qualitätssprung lobend begleiten werden. „Jetzt fehlt nur noch ein ICE-Halt und eine S-Bahn-Haltestelle Offenbach-Hauptbahnhof“, träumt Lutz Plaueln, SPD-Stadtverordneter und Vize-Vorsitzender des Ausschusses Kultur, Schule, Sport.

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