Nur Frühaufsteher hatten Nachsehen

Der unsichtbare Streik

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Kurz nach 9 Uhr ist vom Streik der Busfahrer am Marktplatz nichts mehr zu spüren. Alle Linien fahren nach Plan.

Offenbach - Wer gestern am frühen Morgen auf einen Bus angewiesen war, wurde wortwörtlich im Regen stehengelassen. Von etwa 3 bis 7 Uhr streikten die Busfahrer der Offenbacher Verkehrsbetriebe (OVB). Hintergrund waren die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst. Von Veronika Schade und Marian Meidel 

Wer davon profitierte, waren die Taxifahrer. Um 9 Uhr herrscht am Marktplatz bereits seit zwei Stunden wieder Regelbetrieb. Vom Busfahrer-Streik, der ab Dienstbeginn um 3.10 Uhr vier Stunden lang für Stillstand sorgte, ist nichts mehr zu spüren. Dass die Mitarbeiter der OVB nicht zu Zeiten gestreikt haben, in denen der Großteil der Pendler und Offenbacher auf dem morgendlichen Weg zur Arbeit dies schmerzhafter gespürt hätte, ist laut OVB-Betriebsratsvorsitzendem und Gewerkschaftssprecher Zacharias Leis einer Mischung aus Pragmatismus und Empathie geschuldet.

„Bei Dienstbeginn ist das leicht zu delegieren“, sagt er. „Man lässt morgens einfach das Tor zu und gut ist.“ Einen späteren Streikanfang, der zur Folge gehabt hätte, dass die Fahrer plötzlich auf der Strecke ihren Dienst einstellen, habe man den Fahrgästen nicht antun wollen. „Wir wollen nicht die Leute ärgern, sondern auf unser Anliegen aufmerksam machen“, so Leis. Immerhin: Am frühen Morgen beteiligen sich am Streik sämtliche Busfahrer der OVB, die Dienst haben. Tatsächlich fährt innerhalb dieser vier Stunden keine einzige Buslinie.

Hintergrund des Warnstreiks sind die Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst. Die Gewerkschaft Verdi fordert für die 2,3 Millionen Beschäftigten des Bundes und der Kommunen sechs Prozent mehr Lohn und Gehalt, mindestens aber 200 Euro pro Monat. Gleichzeitig sollen die Ausbildungsvergütungen und Praktikantenentgelte um 100 Euro pro Monat angehoben werden. Dass vor der dritten Verhandlungsrunde am 15. und 16. April weitere Streiks in der Region stattfinden werden, ist laut Verdi-Sprecherin Ute Fritzel wahrscheinlich. Konkret auf Offenbach bezogen fügt Zacharias Leis an: „Vor Ostern wird aber nichts mehr passieren. Und ob danach etwas kommt, können wir noch nicht sagen.“

Wer vom kurzzeitigen Stillstand der Busse gestern profitiert, sind die Taxiunternehmen. „Wir hatten am Morgen 30 bis 40 Prozent mehr Buchungen als sonst“, berichtet Offenbachs Taxi-König Addy Wehner. Aus den Anrufen sei herauszuhören, dass es sich um keine regelmäßigen Kunden handele: „Da kommen dann viele Nachfragen, wie lange es dauert und so weiter, das hält am Telefon ziemlich auf. Oder die Leute sagen, sie stehen hier an der Bushaltestelle, können aber nicht erklären, wo genau die ist.“ Aber für solche Fälle hat Wehner mit seinem Team vorgesorgt. In seinem Computer sind die Namen sämtlicher Bushaltestellen der Stadt gespeichert und mit genauer Adresse versehen. „Das ist an Tagen wie heute hilfreich.“

Da diese Kunden meist nur kurze Strecken zurücklegten und sich spontan meldeten, seien die Einsätze der Droschken schwer zu koordinieren. „Dabei wollen wir alle zu ihrer Zufriedenheit bedienen, aber einer bleibt auf der Strecke und muss ein wenig länger warten“, bedauert Wehner. „Aber über das kleine Zubrot freuen wir uns, das will ich gar nicht leugnen.“

Warnstreik im Frankfurter Nahverkehr: Bilder

Gefreut haben sich auch Bus-Fahrgäste, die wegen des angekündigten Streiks aufs Schlimmste gefasst sind, aber dann doch problemlos ans Ziel kommen. „Streiken Sie heute nicht?“, fragt eine ältere Dame, die um kurz nach 9 Uhr im Neubaugebiet An den Eichen in den 103er steigt, den Busfahrer. Eine Frage, die ihm während der weiteren Fahrt noch öfter gestellt wird. „Nicht mehr“, antwortet er. „Na, dann nehme ich die Tageskarte“, sagt die Dame zufrieden. „In Frankfurt fährt ja heute nichts, habe ich gehört. Da haben wir in Offenbach nochmal Glück gehabt.“

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