Unter dem Regenbogen

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Rainer Götting blättert im Hof seines Anwesens an der Mathildenstraße in den Plänen aus den 80er-Jahren, als er und einige Mitstreiter das „Offenbacher Regenbogenprojekt“, ein Stadtteilzentrum im Mathildenviertel, aus der Taufe heben wollten.

Offenbach - Wenn die Stadt heute ihren Jahresbericht über das Quartiersmanagement in den Stadtteilen vorstellt, dürfte bei Rainer Götting ein leises Gefühl der Bestätigung aufkommen. Von Matthias Dahmer

Hat er doch zusammen mit Weggefährten die Idee eines Quartiersmanagements umzusetzen versucht, als es den Begriff noch gar nicht gab. Die Geschichte des Ur-Offenbachers und ehemaligen Zahnarztes ist zu allererst eine Geschichte von persönlichen Höhen und Tiefen. Sie erzählt aber auch ganz viel darüber, wie heute kaum noch vorstellbares bürgerschaftliches Engagement von einer – Rainer Götting würde das mangels nachtragender Gedanken nie so formulieren – kurzsichtigen Politik völlig verkannt wurde.

„Wir waren wohl 30 Jahre zu früh, die Zeit war noch nicht reif“, sagt Götting. Der drahtige 70-Jährige sitzt auf einer Bank im Hof zwischen Vorder- und Hinterhaus der Mathildenstraße 18. Das Kopfsteinpflaster atmet Offenbacher Industrie- und Musikgeschichte, auf die später noch einzugehen ist. Und Götting breitet Pläne aus, die er zuvor aus seinem 21 Jahre alten verbeulten Passat geholt hat.

Die Zeichnungen, gefertigt von einem damals renommierten Darmstädter Architekten, zeigen, was Anfang der 1980er-Jahre auf dem Grundstück von Götting und dem seines Nachbarn, des Bauern Rudolf Rapps, an der Austraße 2, entstehen sollte. Es war die Vision dessen, was man heute mit Quartierszentrum umschreiben würde: Ein kleiner Wochenmarkt und ein Ärztehaus zur Mathildenstraße hin, eine Bühne für Kindertheater im rückwärtigen Teil, ein Bistro, ein Brotbackofen und dazwischen ein Kinderhaus.

„Stadtsanierung durch ein sozialtherapeutisches Stadtteilzentrum“

Rainer Götting und seine Mitstreiter waren mit ihrem „Regenbogenprojekt“ zu nichts Geringerem angetreten als einer „Stadtsanierung durch ein sozialtherapeutisches Stadtteilzentrum“, wie es auf dem Deckblatt des 20 Seiten umfassenden Konzepts heißt.

Die detailreiche Ausarbeitung war so etwas wie der theoretische Überbau für ein Vorhaben, das sich aus ziemlich unterschiedlichen Motivationslagen heraus zusammenfügte: Da ist zunächst Göttings persönliche Situation. Wir schreiben das Jahr 1982. Götting gibt nach nur vier Jahren seine Zahnarztpraxis in Frankfurt auf, kehrt zurück an die Werkbank ins Haus seiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern an der Mathildenstraße. Dort, wo einst im hinteren Gebäude eine Babbscherbude beheimatet war; dort, wo Großvater Moritz Döbert 45 Jahre bis in die 70er hinein das gleichnamige bekannte Konservatorium leitete.

Dr. Rainer Götting, der sich mit seinem Hobby, der Werkzeugmacherei, schon während des Studiums sein Geld verdient hat, will umsatteln. Will in die Produktion von türkischen Mokka-Kannen einsteigen, zu der ihn ein Freund animiert hat. Nach einem Jahr Vorbereitung steigt sein Partner plötzlich aus, das ganze Geschäft platzt. Zu allem Überfluss packt Göttings Frau nach vier Jahren Ehe ihre Sachen, verlässt ihn mit den beiden kleinen Töchtern. „Rainer Götting stand da, bis in die Grundfesten erschüttert“, beschreibt er seine Situation.

Kinderhaus suchte eine neue Bleibe

Das ist zugleich die Zeit, als das damalige städtische Kinderhaus an der Friedrichstraße eine neue Bleibe sucht. Götting bietet der Stadt das Hinterhaus an der Mathildenstraße 18 an, er will den Umbau übernehmen, die Stadt soll die Miete zahlen. Einzige zusätzliche Bedingung: Die Kommune muss das geplante Stadtteilzentrum unterstützen. Dass es ihm und seinen Mitstreitern nicht so sehr ums Geld geht, Götting rückblickend wohl etwas zu blauäugig auf Zusagen per Handschlag vertraut hat, beweist der Umstand, dass er am Ende auf 700.000 Mark sitzen bleibt. Noch bis vor fünf Jahren zahlte er diese Schulden ab.

„Kaum hatte ich das Angebot unterbreitet, standen die politisch Verantwortlichen alle auf der Schwelle“, erinnert sich Götting. Er und seine Projektpartner beginnen zu renovieren, sie drehen sogar einen Videofilm zu dem Vorhaben, den sich das Stadtparlament wohlwollend anschaut. „Doch kaum waren die Kinder ins umgebaute Hinterhaus eingezogen, war keine Rede mehr von dem Gesamtprojekt, war die Akte schnell vom Tisch“, blickt Götting zurück.

Er, der sich vor zwei Jahren zur Ruhe gesetzt hat, nachdem er weiter als Zahnarzt zunächst an der Mathildenstraße, später am Wilhelmsplatz tätig war, tut es ohne eine Spur von Groll. Indianische Lehren haben ihn überzeugt, dass man die Dinge positiv sehen, den Menschen ohne Vorurteile gegenübertreten soll und das Leben eine Abfolge vorherbestimmter „Unzufälligkeiten“ ist.

Im Hinterhaus ist mittlerweile eine Krabbelstube eingezogen. Das Vorderhaus, das auch eine kleine Galerie beherbergt, ist überwiegend an Studenten vermietet.

Für diese will Rainer Götting die alte Werkstatt reaktivieren. Und die Galerie soll auch ins Mathildenviertel ausstrahlen. Der Mann gibt seinen Traum nicht auf und weiß: „Stadtteil-Projekte kann man nicht planen – und sie müssen ganz klein anfangen.“

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