Im Wahljahr gibt's Lehrerversorgung nach Sozialindex

Unterm Strich deutlich besser

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Nachdem in den vergangenen Jahren vor allem Grundschulen profitiert haben, sind im Wahljahr jetzt die Gymnsien am Zug.

Offenbach - Lange haben die Offenbacher Schulen um Hilfe gerufen: Zu viele Schüler kommen nicht mehr mit, zeigen Defizite in der deutschen Sprache, aber auch in Mathematik. Von Fabian El Cheikh

Dann die enorme Belastung durch Zuwanderung: Um Seiteneinsteiger, teils schon älter, fit für Unterricht auf Deutsch zu machen, fehlen Lehrer und Räume.

Lippenbekenntnisse, den Schulen in Offenbach unter die Arme greifen zu wollen, setzte Hessens Kultusministerin Nicola Beer (FDP) wohl nicht zufällig im Wahljahr in die Tat um. Mit der zusätzlichen Lehrerversorgung nach einem Sozialindex konnte das Staatliche Schulamt zu Beginn dieses Schuljahrs 67 zusätzliche Stellen in Stadt und Kreis verteilen. „Davon erhielten die Schulen in Offenbach 45 Stellen“, berichtet Leiter Dr. Peter Bieniußa. „Die neuen Lehrkräfte sollen helfen, Nachteile auszugleichen, die es im Übrigen auch an den Gymnasien gibt.“

Nachdem in den vergangenen Jahren besonders die Grundschulen mit Extra-Stunden für Deutsch als Zweitsprache ausgestattet wurden – im laufenden Schuljahr 115 zusätzliche Stellen in Stadt und Kreis – wurden vor allem weiterführende Schulen bedient.

Dass davon auch das Leibnizgymnasium profitiert, erklärt Leiter Christoph Dombrowski damit, dass seine Schule in den vergangenen Jahren weitgehend leer ausgegangen war. „Wir haben nur vier Extrastunden für Deutsch als Zweitsprache erhalten.“ Dombrowski hat schon früh darauf hingewiesen, dass sich Sprachdefizite auch bei den Gymnasiasten zeigten. „Allerdings entsprechend auf einem höheren sprachlichen Niveau.“ Der Sozialindex bedeute einen großen Sprung nach vorn.

Angenehme Überraschung

„Hochzufrieden“ über die Maßnahme des Landes zeigt sich die Rudolf-Koch-Schule (RKS). „Wir haben eine hohe Anzahl an Stunden erhalten“, berichtet Direktorin Christiane Rogler. 94,5 Stunden mehr als bisher entsprechen 3,6 Lehrerstellen. Rogler: „Das ist enorm, darüber sind wir sehr angenehm überrascht.“

Derzeit wird die Umsetzung ausgelotet. Klar ist: Profitieren sollen Schüler von der 5. Klasse bis zum Abitur. Das Ministerium habe es den Schulen überlassen, wie sie die zusätzlichen Stellen nutzen, erläutert Rogler. „Wir wollen da nicht nach dem Gießkannenprinzip vorgehen, sondern dafür sorgen, dass vor allem soziale Benachteiligungen ausgeglichen werden.“

Angedacht sind zusätzliche Förderkurse für Deutsch, Fremdsprachen und Mathematik. Außerdem entwickelt man Maßnahmen zur Förderung individueller Stärken. Auch in der Oberstufe. Rogler nennt etwa Argumentationstrainings oder Unterstützung bei der Berufsorientierung.

Gezielte Unterstützung erhalten außerdem Siebtklässler, die aus den Gesamtschulen kommen. Die Schule kann mehrere Kollegen am Vormittag für Förderkurse abstellen. Ziel sei, die Zahl der Sitzenbleiber deutlich zu reduzieren, sagt Rogler.

In der Lernzeit betreuen zwei Kollegen eine Klasse

Neu ist in den vier fünften Klassen die sogenannte Lernzeit. „Zwei Kollegen betreuen zeitgleich die Klassen“, erläutert Rogler, „um etwa Lese- und Rechtschreibschwächen anzugehen.“ Was in den 5. Klassen noch verpflichtend sei, werde für ältere Schüler freiwillig angeboten. Und: „Selbst für sehr gute Schüler gibt es individuelle Fördermaßnahmen.“ Mit Blick auf den beantragten Status als Kulturschule will die RKS außerdem den Wahlunterricht in Kunst und Musik verändern und doppelt besetzen. Unterm Strich verbessere sich die Betreuung deutlich.

Schulamtsleiter Bieniußa relativiert allerdings: „Wir müssen abwarten, wie viele Zuwanderer nächstes Jahr nach Wegfall der Arbeitsbeschränkungen nach Offenbach kommen und wie sehr die Schulen dann noch von der Zusatzverteilung profitieren.“ Denn eins sei klar: Je mehr Seiteneinsteiger auf Offenbacher Schulbänken sitzen, die erst noch alphabetisiert werden müssen, desto weniger Lehrer können sich um die schon länger hier lebenden Kinder mit Defiziten kümmern.

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