Am Anfang steht die Analyse

Peter Sülzen

Die Energiekosten machen den Firmen nicht nur in Stadt und Kreis immer mehr zu schaffen.

Über die Belastungen und Strategien zum Einsparen sprach unserer Redaktionsmitglied Marc Kuhn mit dem Hotel-Unternehmer Gerhard Winter, dem Berater für nachhaltige Managementsysteme Wilhelm Schöneberger aus Rödermark und mit Peter Sülzen von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach.

Die Strompreise sind in den vergangenen Jahren in Deutschland stark gestiegen. Wegen der von der Bundesregierung eingeleiteten Energiewende ist mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Herr Sülzen, können die Offenbacher Unternehmen die Belastungen noch schultern?

Sülzen: Es wird immer schwieriger, zumal die Energiepreise weiter steigen werden. Die deutsche Rohstoffagentur hat vor ein paar Tagen die neusten Zahlen veröffentlicht. Dabei ist deutlich geworden, dass die Energierohstoffe im vergangenen Monat um 9,1 Prozent gestiegen sind. Damit werden auch die Preise für Endenergie weiter anziehen.

Herr Winter, steigende Umlagen, hohe Kosten für den Netzausbau. Stehen Sie hinter der Energiewende?

Gerhard Winter

Winter: Prinzipiell sollte man sie immer positiv bewerten. Die höheren Kosten müssen wir verkraften. Hotels sind Energiefresser hoch drei. Strom- und Heizkosten schlagen dort besonders zu Buche. Gäste sind fürs Energiesparen, aber nicht im Hotel. Deshalb bauen wir zum Beispiel Energieschalter ein, um den Verbrauch beim Verlassen des Zimmers auf Null zu reduzieren. Die Heizung muss mit Außenfühlern gesteuert werden.

Wir stark sind die Stromkosten bei Ihnen gestiegen?

Winter: Wir sind seit einigen Jahren in einem Strompool. Wir kaufen den Strom nicht mehr selbst und auch nicht mehr regional ein. Unser Unternehmen wird fast jährlich von anderen Lieferanten bedient. Der Pool kauft den Stromfirmen die Energie in großen Mengen ab. Dadurch verschafft er uns einen Kostenvorteil. Dennoch sind die Kosten in den letzten zehn Jahren nahezu um 100 Prozent gestiegen.

Wie viele Unternehmen sind in dem Pool zusammengeschlossen?

Wilhelm Schöneberger

Winter: Einige Hundert. Im ganzen Bundesgebiet. Der Pool kauft Strom auch in München oder Berlin. Eine Firma muss hunderttausend Kilowattstunden Strom abnehmen, um Mitglied im Pool zu werden. Der Verbrauch in einem Hotel liegt bei zirka 160 000 für ein Hotel mit 70 Zimmern und bei einer Million Kilowattstunden im Jahr für ein Hotel mit mit 150 Zimmern und Klimaanlage.

Herr Sülzen, nutzen andere Unternehmen in Offenbach solche Pools?

Sülzen: Einige sicherlich, aber genauere Angaben liegen uns nicht vor. Energiekosten lassen sich grundsätzlich auf viele Arten reduzieren. Oft hilft auch einfach ein Preisvergleich weiter. Doch gibt es, ähnlich wie bei Versicherungen, ein großes Beharrungsvermögen in Bezug auf den Energieversorger. Nur wenige Unternehmen vergleichen die Energiepreise oder passen ihre Verträge an.

Warum wird Strom teurer?

Schöneberger: Die Atomkraftwerke haben 15 bis 16 Prozent des Strombedarfs gedeckt. Ist es also gerechtfertigt, dass die Preise wegen der Abschaltung der Meiler steigen? Wie entstehen die Preise? Keiner weiß das genau. Im Energiebereich ist das sehr ominös. Den Bürgern wird gesagt, die Energiewende muss soundsoviel Geld kosten. Erklärbar ist das nicht. Wenn wir den Anteil des Stroms der Kernkraftwerke, die wegfallen, einsparen, dürften die Preise nicht steigen. Machbar ist das.

Warum steigen die Strompreise dann?

Schöneberger: Die Konzerne sind ihren Aktionären verpflichtet. Da müsse Gewinne maximiert werden.

Sülzen: Bei den Strompreisen ist auch der Staatsanteil erheblich gestiegen. Etwa 50 Prozent des Preises entfallen auf Umlagen und Steuern. Der Staat verdient kräftig mit.

Herr Winter, wie viele Hotels gehören zu Ihrem Unternehmen?

Winter: Wir bauen jetzt das achte Hotel in Berlin. Fünf Hotels betreiben wir dann in der Hauptstadt, zwei in Offenbach und eins in München. Bei dem Neubau direkt am Checkpoint Charlie haben wir von Anfang an auf Energieeffizienz geachtet. So haben wir bei der Beleuchtung komplett auf LED umgestellt. Dadurch können wir die Stromkosten bis zu 80 Prozent reduzieren. Die Investition ist natürlich recht teuer - die Kosten liegen rund 150.000 Euro über den Ausgaben für eine normale Beleuchtung.

In welchem Zeitraum amortisiert sich das?

Winter: Sehr schnell, in drei bis vier Jahren.

Die Investition zeigt, dass die Energiewende mit ihren hohen Kosten der Wirtschaft auch einen Schub geben kann.

Schöneberger: Veränderungen sind immer auch Chancen. Schließlich können in allen Bereichen 15 bis 20 Prozent Energie eingespart werden. Man muss sich nur die Frage stellen, mit welchen Effizienz-Maßnahmen das erreicht werden kann. Das ist eine Chance.

Winter: Ich bin sicher, dass in jedem Unternehmen 15 Prozent der Energie eingespart werden kann.

Herr Winter, was kostet Strom in einem Hotel?

Winter: In unserem Haus in Offenbach liegen die Kosten monatlich zwischen 1500 und 2000 Euro. Vor der Einführung der Gemeinschaftswährung waren das die D-Mark-Preise.

Wie sieht es bei den Heizkosten aus?

Winter: Teilweise noch schlimmer. Die Belastung ist noch höher als die Stromkosten.

Wie können Sie die Belastungen der Energiepreise stemmen?

Winter: Der Gast muss es letztlich bezahlen. Aber: Die Preise sind nicht stark gestiegen. Wir hatten bei der Lederwarenmesse einen Gast, der seit 20 Jahren im Offenbacher Hof wohnt. Damals hat er 130 D-Mark bezahlt, heute 70 Euro. Das ist fast der gleiche Preis.

Herr Schöneberger, suchen Offenbacher Firmen die Hilfe der Energieberater?

Schöneberger: Auf jeden Fall. Es gibt mehrere, sehr sinnvolle Programme der Bundesregierung. Zum Beispiel das zweistündige kostenlose Impulsgespräch. Bei dem gehen Experten vom Rationalisierungs- und Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft (RKW) in die Betriebe und überprüfen, wo Einsparmöglichkeiten bestehen. Darauf aufbauend kann eine Energie-Effizienz-Analyse gemacht werden, die von der KfW gefördert wird. Dabei bekommt der Unternehmer einen Überblick über konkrete Maßnahmen. In Hessen werden sehr viele dieser Analysen vorgenommen. Das RKW Hessen in Eschborn ist dabei gut gebucht.

Sülzen: Es gibt viele Beratungsangebote - auch in Offenbach. Die Unternehmer nutzen sie aber zu wenig. Es gibt ein Zuviel an Informationen.

Winter: Der Hotel- und Gaststättenverband bietet auch Beratung an. Sie wird aber wenig genutzt.

Schöneberger: Die Preise sind die eine Seite des Problems. Andererseits müssen wir Energie einsparen. Wir müssen uns von der Abhängigkeit befreien. Schließlich werden längst Kriege um Rohstoffe geführt.

Wie bekommt ein Unternehmer seine Stromkosten runter?

Schöneberger: Die Kosten orientieren sich unter anderem an den sogenannten Spitzenlasten. Diese müssen gemessen werden. Die Stromfirmen bieten sogenannte Lasttarif-Messungen an. Danach weiß der Unternehmer, wie er die Spitzenlasten senken kann. Er kann zum Beispiel bestimmte Geräte oder Maschinen zu diesem Zeitpunkt abschalten. Das hat durchaus betriebswirtschaftliche Effekte. Ein anderer Weg: Der Einsatz energieeffizienter Maschinen und Geräte oder auch der Heizungen, die heute deutlich weniger verbrauchen und deutlich besser zu regulieren sind. Und schließlich verbrauchen Geräte auch in der Stand-by-Funktion ordentlich Strom. Das sollte man überprüfen.

Winter: Die Spitzen sind nicht zu unterschätzen. Mit ihnen wird manche Stromrechnung verdoppelt. Den Spitzenwert zahlt ein Unternehmen das ganze Jahr.

Wo kann eine Firma noch sparen?

Schöneberger: Die Server laufen die ganze Zeit durch. Sie produzieren enorm viel Abwärme. Deshalb müssen die Server oft auch noch gekühlt werden. Da muss man intelligente Lösungen finden. Zum Beispiel kann die Abwärme zum Heizen genutzt werden.

Gibt es andere Potenziale?

Schöneberger: Ein Riesenthema ist Druckluft. Dafür wird viel Strom gebraucht. Wenn die Leitung undicht ist, baut der Kompressor immer wieder Druckluft auf. Er läuft praktisch 24 Stunden. Dafür wird sehr viel Strom gebraucht.

Welche Fördermöglichkeiten gibt es, wenn ein Unternehmer nach einer Energieeffizienz-Analyse in seinem Betrieb etwas umbauen will?

Schöneberger: Da gibt es KfW-Programme. Es gibt auch Fördermittel vom Bund.

Winter: Ich habe für unser Hotel in München ein Gutachten erstellen lassen. Auch das wurde größtenteils gefördert.

Sülzen: Bei der Beratungsförderung sind wir gut aufgestellt, auch in Hessen. Bei der Investitionsförderung sieht es schlechter aus. Hier hängt es davon ab, welche Umbauten der Unternehmer plant. Wenn es um das Gebäude geht, gibt es einige gute Förderprogramme. Bei Investitionen in den Produktionsprozess wird es schwieriger. Es gibt Fördermittel, wenn ein sehr innovativer, neuer Produktionsprozess aufgelegt wird. Wenn man jedoch nur eine Maschine durch eine effizientere ersetzen will, gibt es kein Geld.

Winter: Und man muss die Mitarbeiter mit ins Boot holen. Die wissen ganz genau, wo Energie verschwendet wird. Bei uns werden die besten Vorschläge honoriert.

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