Sozialbericht: Auf Unterstützung angewiesen

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Großstädte sind die Integrationsmaschinen der Gesellschaft. Das hat seinen Preis. Auf 97 Millionen Euro summiert sich das in Offenbach. Das zeigt der Sozialbericht fürs Jahr 2010. 

Offenbach - Großstädte sind die Integrationsmaschinen der Gesellschaft. Das hat seinen Preis. Auf 97 Millionen Euro summiert sich das in Offenbach. Das zeigt der Sozialbericht fürs Jahr 2010. Gravierende Änderungen sind nicht zu erwarten.  Von Martin Kuhn

Der Bericht ist ein 64-seitiges Werk mit vielen Grafiken und noch mehr Zahlen. Allein Statistiker hätten Freude. Auch der Untertitel reizt nicht zur Lektüre: „Grundsicherungsleistungen und kommunalisierte Soziale Hilfen in Offenbach."

Bestseller sehen anders aus. Dennoch: Das gestern vorgelegte Papier birgt Brisanz. Die nackten, sterilen Zahlen übertünchen Armut, Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Der Konjunkturaufschwung wirkt sich zwar auf das System der Grundsicherung aus und zeigt „Tendenzen der Erholung“. Bei rund 97 Millionen Euro Ausgaben im Bereich SGB II mag man’s kaum glauben.

Nicht jeder Leistungsberechtigte ruht in „sozialer Hängematte“

Es ist ein weites und komplexes Feld, auf dem sich Dr. Matthias Schulze-Böing, Amt für Arbeitsförderung und Geschäftsführer Mainarbeit, mit seinem Team bewegt. Jede Person, jede Familie hat ihre persönliche Geschichte; von pauschalen Aussagen hält Dr. Schulze-Böing daher wenig. Wichtig ist ihm jedoch eines: „In unserem Begleitsystem bleibt keiner zurück.“ Ein hohes und hehres Ziel in einer Stadt, in der 18. 626 sogenannte Leistungsberechtigte leben. Achtung, eine schnelle Pauschalisierung verbietet sich jetzt. Nicht jeder ruht in der „sozialen Hängematte“. In etlichen Fällen reicht einfach das Arbeitsentgelt nicht aus fürs tägliche Leben im Ballungsraum Rhein-Main.

Mögliche Gründe: Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung (400-Euro-Job), hohe Mieten, große Familien. Da wird staatliche Unterstützung notwendig. Selbst an bestimmten Berufen oder Branchen lässt sich dieses Phänomen laut Dr. Schulze-Böing nicht festmachen. „Es kann daher kein Nachlassen geben“, betont Bürgermeisterin Birgit Simon (Grüne). Für sie ist eine Integration in den Arbeitsmarkt gleichbedeutend mit einer Integration in die Gesellschaft. Aber kann das eine Stadt wie Offenbach selbst leisten, die Jahr für Jahr Schulden im hohen zweistelligen Millionenbetrag anhäuft? „An der Gesetzgebung des Bundes, die vorschreibt, was Menschen zu bekommen haben, können wir nichts ändern.“

Jedes dritte Kind lebt in einer SGB-II-Bedarfsgemeinschaft

Birgit Simon nennt jedoch die lokale Stellschraube: „Bildung ist der Schlüssel, um Fragen der Sozialstruktur zu lösen. Nicht heute, aber in den nachfolgenden Generationen.“ Für die Grünen-Politikerin geht das über die frühkindliche Erziehung im Kindergarten, über die Schulausbildung bis hin zur Berufswahl.“ Das System der Aktivierung ist für sie auch ein System gegen eine desolate Gesellschaft. „Wir schauen auch nach denen, die dreimal hintereinander nicht in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln waren. Wir müssen nach vorne schauen und fragen: Was wird aus seinen Kindern? Was wird aus seinem Umfeld?“

Solche Fragen sind anhand des umfangreichen Zahlenwerks nicht zu klären. Trotzdem lohnt der Blick zum Stichtag 31. Dezember 2010:

  • Die Zahl der Leistungsberechtigten sank gegenüber dem Vorjahr um 338 auf 18 626 Personen. Die lebten in 8 544 Bedarfsgemeinschaften. Gab es in der Vorjahresperiode einen leichten Anstieg, setzte sich der Rückgang wieder fort und erreichte den niedrigsten Stand seit 2006.
  • Der Rückgang basiert hauptsächlich auf einem Rückgang bei den erwerbsfähigen Leistungsberechtigten. Ihre Zahl sank auf 12 262 Personen; ein Rückgang um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr und um 10 Prozent gegenüber 2006.
  • Die SGB-II-Quote (Relation der Zahl der Leistungsberechtigten zur Bevölkerung bis 64 Jahren und das wichtigste Maß für Dichte und Belastung mit Einkommensarmut und Bedürftigkeit) fiel von 19,5 auf 18,8 Prozent; der niedrigste Wert der vergangenen fünf Jahre.
  • Die Zahl der nichterwerbsfähigen Berechtigten hingegen pendelte sich zwischen 6300 und 6 400 ein. Entsprechend dieser Entwicklung stieg deren Anteil an allen Leistungsberechtigten in den letzten fünf Jahren von 31,7 auf 34,2 Prozent.
  • Jedes dritte Kind unter 15 Jahren lebt in einer SGB-II-Bedarfsgemeinschaft. Die Quote sank leicht gegenüber dem Vorjahr.
  • Etwa 300 Personen (2,4 Prozent) der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten waren „Aufstocker“, bei denen das Arbeitslosengeld nicht zur Deckung des Bedarfs zum Lebensunterhalt ausreicht. Mehr als 3 500 (29 Prozent) waren „Ergänzer“ mit Erwerbseinkommen, das nicht zur Deckung genügt. Nahezu ein Drittel von ihnen verdient mehr als 800 Euro.
  • Die SGB-II-Quote nach Nationalitäten differenziert: Deutsche 15,4 Prozent, Ausländer 25,3 Prozent; stärkste ausländische Gruppe sind die Türken mit mehr als 34 Prozent.

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