Opfer von Rechnungschaos und Internet-Kriminalität

Offenbach - Sie ist gekommen, die lang erwartete Zeugin im Untreue-Prozess. Der Immobilienverwalter H., der 900 Wohnungen des Bundeseisenbahnvermögens (BEV) treuhänderisch verwaltete, soll der Behörde einen erheblichen Schaden zugefügt haben. Von Veronika Schade 

Als er 2011 aus dem Treuhandkonto 52.000 Euro auf das Privatkonto jener Dame überwies, wurde die Staatsanwaltschaft auf den Fall aufmerksam. Die 27-Jährige streitet ab, jemals als Prostituierte gearbeitet zu haben. Die Polizei habe falsche Schlüsse gezogen. Richtig sei nur, dass ihr Ex-Lebensgefährte Kameramann in der Erotikfilmindustrie gewesen sei. Mit dem Angeklagten habe sie nie eine intime Beziehung geführt. Kennengelernt hätten sie sich Ende 2010 im Internet durch ihr gemeinsames Interesse an der Immobilienbranche. Das Geld, das nur drei Monate später auf ihr Konto floss, sei ein Darlehen gewesen, das sie für einen Umzug benutzte. Sie hätte es aus den Einnahmen einer von ihm gegründeten Gebäudeinstandhaltungsfirma zurückzahlen sollen, in der sie damals eine Ausbildung zur Immobilienkauffrau begonnen habe. Passiert ist es bis heute nicht. Es gebe keinen Kontakt mehr.

Lesen Sie dazu auch:

Untreue statt Treuhand

Der Staatsanwalt bezeichnet den Fall als „verworren“. Es sei schwer, die vielen einzelnen Beträge nachzuvollziehen, die sich laut BEV auf 1,4 Millionen Euro belaufen. Es habe ein „systematisches Problem“ bei der Verwaltung gegeben. Zugute zu halten sei H., dass er sich angesichts des knappen Budgets verkalkuliert haben könne. Doch 52.000 Euro Fremdgeld an die „famose Zeugin“ zu überwiesen und sich vor Gericht als Opfer darzustellen, sei dreist. „Das BEV hat gearbeitet wie eine Bank mit offenen Türen“, kritisiert die Verteidigerin. Jegliches Controlling habe gefehlt, was ihrem Mandanten zum Verhängnis geworden sei. Sie plädiert für Freispruch. Er sei durch das Verfahren sowieso privat und beruflich stark gezeichnet.

Das sieht Richter Manfred Beck ähnlich, folgt in Strafmaß und Urteilsbegründung aber weitestgehend der Staatsanwaltschaft und verhängt eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und acht Monaten sowie 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Dass die besagte Dame den Offenbacher geködert habe, sei wohl organisierte Kriminalität: „Sie gaukeln Empfindungen vor, die sie nicht haben.“

Ardi Goldman vor dem Landgericht in Frankfurt

Ardi Goldman vor dem Landgericht in Frankfurt

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare