Unvergessener Schöpfer von Buchstaben

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Rudolf Koch feilt an seinen Lettern in der Klingspor-Werkstatt.

Offenbach - Als einziger Offenbacher Künstler des 20. Jahrhunderts taucht er in allen renommierten Kunstlexika auf, der am 20. November 1876 in Nürnberg geborene Sohn des Hamburger Bildhauers Paul Koch, der heute vor 75 Jahren an einem Herzschlag um 6.30 Uhr im Städtischen Krankenhaus Frankfurt verstorben ist. Von Reinhold Kries

In der Schriftkunstszene der USA gilt Rudolf Koch mit seinen mehr als 30 neu entwickelten Druckschriften als der Schriftkünstler schlechthin. Nicht nur das US-Schreibprogramm „Kabana Book“ basiert auf Kochs alter Kabel. In Japan ist der Kalligraf ebenso feste Größe wie in mitteldeutschen Buchkunst- und Kirchenkreisen von Leipzig bis Jerichow an der Elbe. Koch-Schrift findet sich auch auf französischen Weinetiketten.

Aber ist der bescheidene wie formprägende Schriftkünstler, Gestalter und Lehrer hierzulande noch präsent? Die Offenbacher Schreibwerkstatt Klingsporjedenfalls, der internationale Förderverein für Kalligrafie, bewahrt in seinem neuen Rumpenheimer Archiv nicht nur den Hoefer-Nachlass sondern auch historische Fotos und Einzelblätter des Vorbilds auf. Denn der in Hanau in Metallbearbeitung und Ziselieren geschulte Koch, der sich eher als Handwerker sah denn als Künstler, wirkte – nach nicht immer glücklichen Lehrzeiten in München, Nürnberg, London und Leipzig – ab 1906 in Offenbach und verschaffte der Industriestadt internationale Kunstreputation.

Deshalb bringt seit 25 Jahren die Offenbacher Künstlerin Angelika Amborn-Morgenstern den bekanntesten Schriftschneider der Gebr. Klingspor immer neu aufs Tapet. Mit Schülern, einem Schlosser und Experten wie Karlgeorg Hoefer zum 50. Todesjahr Kochs 1984 realisiert, reiht ihre Rauminstallation „Spinnennetz“ in der Aula der Rudolf-Koch-Schule alle 21 Satzschriften auf, die von Koch und seinen Werkstätten geschaffen wurden. Wie eine Hommage schweben die gestanzten bis gebogenen Alu-Lettern über der Koch-Bronze Rolf Plauelns von 1957. Das geht von der Offenbach, Koch-Antiqua und Deutschen Werkschrift über die Leichte Kabel, Neuland und Marathon bis hin zur Wilhelm-Klingspor, Jessen und Koch-Kurrent.

Gegenüber, in der Hochschule für Gestaltung, ist der ehemalige Dozent der Fachklasse Schrift und Professor der Technischen Lehranstalten (später Werkkunstschule) weitgehend vergessen. HfG-Studien zur Schriftkunst sind seit dem Ausscheiden Professor Hoefers ausgelaufen. Keine Dokumentationsecke erinnert an den Mann, der dort mit Schülern und Gleichgesinnten 1921 die Schreibwerkstatt gründete und Offenbacher Grafik in die Welt exportierte.

Die Studenten wissen also nichts davon, dass unter dem Schrägdach des renovierten Hugo-Eberhardt-Gebäudes eine der berühmtesten Kunstgemeinschaften ihrer Zeit existierte, in der Kalligrafie geübt, Schriftteppiche entworfen und gewebt und liturgische Geräte gestaltet wurden. Künstlerische Initialzündungen verbanden Altes mit Neuem und wirkten nicht immer so konservativ wie die dort entworfene Offenbacher Schulschrift, 1927 in Hessens Schulen amtlich eingeführt.

Mancher verweist Rudolf Koch betreffend schnell auf das Offenbacher Klingspormuseum, das fast den kompletten, weltweit einzigartigen Nachlass des Gestalters besitzt. Dort hatte man Koch und seinem berühmten Arbeitgeber, der Schriftgießerei und Druckerei Gebr. Klingspor, zum Jubiläumsjahr 2006 eine Erinnerungsausstellung gewidmet.

Wie oft zu hören ist, würden sich viele „Kochianer“ ein festes Ausstellungskabinett zum Schaffen und Leben Kochs und der Schriftschmiede der Klingspors wünschen, die dem Museum für Buch- und Schriftkunst den Namen gibt. Vielleicht ist dieser Wunsch nach der Aufstockung des Hauses ja erfüllbar. Derweil ist neben Leiter Soltek auch Koch-Expertin Martina Weiß in der Bibliothek des Museums jederzeit ansprechbar. Der nach Anmeldung zu besichtigende Depot-Fundus mit Kochs 98 Bibel-Handschriften, 22 gedruckten Büchern, unzähligen Druckblättern, Entwürfen und Schriftteppichen ist atemberaubend.

Heute Vortrag von Dr. Stefan Soltek

Der Leiter des Klingspormuseum, Dr. Stefan Soltek, spricht heute um 18 Uhr im Klingspormuseum, Herrnstraße 80, aus Anlass des Todestages über „Rudolf Koch und die Darstellung des Kreuzes“.

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