Urkunde, Buch, Neubau

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Von Offiziellen umringt: die neue Kollwitz-Schulleiterin Marlies Stülb. Foto: Georg

Offenbach - Wenn ein neuer Schulleiter kommt, gibt’s üblicherweise eine Ernennungsurkunde, warme Worte, ein schönes Buch, die Schulchronik und vielleicht einen neuen Schreibtischstuhl. Von Marcus Reinsch

Für Marlies Stülb gab es gestern eine Ernennungsurkunde, warme Worte, ein schönes Buch, die Schulchronik und zwei Neubauten - ein Verwaltungstrakt mit Mensa und Klassenräumen und einer Dreifeld-Sporthalle.

Es war eine terminliche Punktlandung für die 50 Jahre alte Studiendirektorin. Als erste Amtshandlung an ihrem ersten Tag als Leiterin der Käthe-Kollwitz-Schule konnte sie sich gleich bei den Offiziellen einreihen, die den Grundstein für den neuen Trakt zwischen der schlicht „Käthe“ genannten Kollwitzschule und der benachbarten Theodor-Heuss-Schule festhämmerten.

Die Erweiterung - knapp 9500 Quadratmeter im Passivhausstandard, verteilt auf zwei Quader mit Zwischenbau - soll ab Mitte 2012 die zum beruflichen Schulzentrum vereinten Institutionen auf dem Buchhügel vom Jahrzehnte dauernden Raummangel erlösen.

„Lange Warte- und Leidenszeit“

Bis der tagtäglich notwendige Schüler- und Lehrertourismus an andere Schulen dank ausreichender eigener Kapazitäten abgestellt sein wird, wird es zwar noch dauern. Die Fertigstellung des Erweiterungsbaus ist für Juli 2012 angepeilt, die des anschließenden Ausbaus der Heussschule um rund 5700 Quadratmeter für Mitte 2013 und die der 2200 Quadratmeter großen Sporthalle für Ende dieses Jahres. Doch mit der Grundsteinlegung, gab Heuss-Schulleiter Heinrich Kößler gestern zu Protokoll, sei der Prozess der Verbesserung nun wenigstens unumkehrbar.

Deutliche Worte haben Tradition, wenn es um die Buchhügel-Schulen geht. Und angesichts der „langen Warte- und Leidenszeit“, die die Entscheidung für die Erweiterung gebraucht habe, sei es auch verständlich, wenn an den Schulen Misstrauen und Zweifel gewachsen seien, gab Schuldezernent Paul-Gerhard Weiß zu. Nun aber werde das Schuldoppel mit zusammen 3500 Schülern zum „echten beruflichen Schulzentrum“, das den Herausforderungen der gegen den Trend regelrecht explodierenden Offenbacher Jahrgänge gewachsen sei.

Kluft zwischen Angebot und Bedarf

Wie groß die Schlucht zwischen Bedarf und Angebot bisher ist, lässt sich an den Kosten für Erweiterungen und Halle ablesen. Das Gesamtpaket ist 47 Millionen Euro schwer und der mit Abstand dickste Brocken im Offenbacher Schulbauprogramm. Mindestens 39 Millionen Euro davon kassiert Hochtief, quasi als Alles-inklusive-Pauschale. Ein Ableger des Bauriesen hat den Zuschlag bekommen, das Berufsschulzentrum in öffentlich-privater Partnerschaft (ÖPP) nicht nur auf Vordermann zu bringen und zu erweitern, sondern auch zu betreiben und in Schuss zu halten. Der Vertrag läuft bis zum Jahr 2032.

Die neue Kollwitz-Schulleiterin Marlies Stülb freut sich auf die auch pädagogischen Chancen der räumlichen Neuerungen, ohne sie reflexartig mit den Enttäuschungen ihres Vorgängers Gerd Müller und seines ebenfalls streitbaren Nebenan-Amtskollegen Kößler gegenzurechnen. Obwohl: Bevor sie ihre Bewerbung abgab, ist sie „mal ums Gelände geschlichen“ und mit dem Gedanken heimgefahren, dass Sanierung und Erweiterung dringend nötig seien. „Gutes Lernen“, sagt sie, habe ja auch immer etwas mit Wohlfühlen zu tun. Ein noch so engagiertes Kollegium brauche trotzdem ein würdiges Umfeld. Und das direkte Umfeld sei natürlich verbesserungswürdig. Was das weitere betrifft, ist Stülb schon neugierig.

Für den Halbmarathon joggen

Letzte Woche war sie mit Detlef Schwenger, seit Müllers Verabschiedung im Sommer kommissarischer Schulleiter, auf dem Schuldach und hat den Blick schweifen lassen. Das Rathaus, der Main, davor die Innenstadt. Und nur einen Steinwurf entfernt etwas für die in Mainz lebende und zuletzt in Wiesbaden eingesetzte Studiendirektorin so Schönes, dass sie in der neuen Sporthalle sicher nur selten anzutreffen sein wird: der Wetterpark und die Wäldchen drumherum. Da will Marlis Stülb manchen Mittag joggen. Ihre Paradedistanz ist der Halbmarathon.

Den durchzuziehen, dafür reicht eine Pädagogen-Pause nicht. Doch an der Kollwitzschule scheint nach vielen Jahren Stillstand schon das Vorwärtskommen an sich wertvoll. Die neue Chefin glaubt fest dran. Und um ihr persönliches Wohlfühlen ist es sowieso schonmal gut bestellt. „Für mich ist jetzt noch fast alles fremd. Aber ich habe das Gefühl, hier gut aufgenommen zu werden“, sagt sie. Detlef Schwengler und die anderen Kollegen haben ihr schon die passende Mailadresse einrichten lassen, das Schild an ihrer Tür mit ihrem Namen versehen, sie noch vor ihrer Ankunft in einige wichtige Entscheidungen einbezogen und ein von der Textilklasse gefertigtes KKS-Band an ihrem Schulschlüsselbund befestigt.

„Sozialintegrative Arbeit“ wichtig

Und dass es nun erstmal laut und manchmal bestimmt schwierig wird? „Es gibt bestimmt viele Schwierigkeiten. Aber Veränderungen geben die Möglichkeit zur Gestaltung“, ist Stülb überzeugt. Es sei eine sehr vielfältige und damit sehr reizvolle Schule; es gebe hier viele Migranten und viele Benachteiligte, so dass auch viel „sozialintegrative Arbeit“ wichtig sei. Die neue Schulleiterin will „schauen, wo ich Dinge befördern und das Kollegium unterstützen kann“. Unterrichten will die Studiendirektorin auch einige Stunden in der Woche, am liebsten in möglichst vielen unterschiedlichen Schulformen.

Dafür ist die Kollwitz-Schule schon jetzt bestens ausgestattet. Sie ist Berufsschule für Azubis aus den Bereichen Ernährung, Körperpflege, Textiltechnik und Bekleidung und Berufsschule für Jugendliche ohne Ausbildungsplatz. Sie ist Berufsfachschule, Fachschule für Sozialpädagogik, mehrfach unterteilte Fachoberschule und auch Behindertenwerkstatt. In diesem Halbjahr klappt es aber wahrscheinlich trotzdem nicht mehr mit Stülbs pädagogischer Tournee. Die Stundenpläne sind ja schon fertig.

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