Gerichtsurteil: Keine Vergewaltigung

Nach Sex mit 13-Jähriger bleibt Offenbacher frei

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Offenbach – Für ihre Eltern ist die 13-jährige Marie aus dem Kreis Offenbach vom Bruder ihrer besten Freundin vergewaltigt worden. Doch weil sie sich nicht wehrte, kommt der Täter, Michael P. aus Offenbach mit zwei Jahren Bewährung davon. Von Angelika Pöppel 

„Papa ich bin vergewaltigt worden.“ Das sind die schwersten Worte im Leben der 13-jährigen Marie M. (Name geändert). Mit diesem Satz ändert sich alles. Erst auf Drängen ihres Freundes vertraute sie sich am Morgen nach der Tat ihrem Vater an. Ihre Mutter ist beim Frühstück mit ihren Freundinnen. Sie hatte ihre Tochter am Tag zuvor bei Maries bester Freundin übernachten lassen. „Ich war dagegen – generell. Aber sie hat mich angefleht“, sagt die Mutter und fügt hinzu: „Dieses Schuldgefühl kann mir niemand jemals wieder nehmen.“

Denn in dieser Nacht passiert der Albtraum. Im Haus ihrer Freundin – während alle schlafen – schleicht sich der Bruder ihrer besten Freundin, Michael P., in das Zimmer der Mädchen. Er setzt sich neben Marie ans Bett, flüstert ihr ins Ohr, berührt ihr Bein. Der damals 21-Jährige vergeht sich an ihr. „Ich wusste gar nicht, was passiert, war wie gelähmt“, erinnert sich Marie. Sie wehrt sich nicht. Wartet bis es endlich vorbei ist. Später werden seine Spermaspuren an ihrer Kleidung gefunden. Noch am Morgen fährt die Familie zur Polizei. Eine Polizisten nimmt ihre Aussage auf. „Michael P. war sturzbetrunken“, sagt Marie damals. Wie verhängnisvoll die Einschätzung des jungen Mädchens ist, weiß sie zu diesem Zeitpunkt nicht.

Zwei Jahre auf Bewährung

Zwei Jahre danach, am vergangenen Dienstag, steht die Familie im Gerichtssaal des Amtsgerichts Offenbach. Nach drei Verhandlungstagen fällt das Urteil: Zwei Jahre auf Bewährung. „Der blanke Horror“, sagt Maries Vater entsetzt. Die Wut ist riesig, die Enttäuschung aber noch viel größer. „Als ich hörte, dass er Bewährung bekommt, war ich mental weg, hab total abgeschaltet. Das war einfach ein Schlag ins Gesicht“, sagt ihre Mutter.

Zwei Jahre zuvor: Die Polizei ist nach Maries Aussage skeptisch. „Ich habe mich wie ein Schwerverbecher gefühlt“, sagt sie. Dennoch fahren Beamte am Abend zum Haus des Täters in Offenbach und stellen seine Unterhose sicher. Später finden sie Spuren des Opfers daran. Fotos werden nicht gemacht. Ihre beste Freundin sagt aus, sie habe nichts mitbekommen. Michael P. bestreitet sowohl die Tat, als auch einen Anruf am nächsten Morgen bei Marie. „Er sagte, es tut ihm Leid, aber ich solle es auf keinen Fall meinen Eltern erzählen“, erinnert sie sich. Ihr Freund sei bei dem Telefonat dabei gewesen. Der Fall landet vor Gericht.

Anklage auf Vergewaltigung abgewiesen

Doch: Eine Gefängnisstrafe bekommt Michael P. aus Offenbach nicht. Die Anklage auf Vergewaltigung wurde abgewiesen, stattdessen wird er wegen „Beischlaf mit Minderjährigen“ bestraft. Grund: Marie hatte nicht „Nein“ gesagt. Laut Gericht handele es sich nicht um eine Vergewaltigung, wenn sich das vermeidliche Opfer nicht wehrt. Strafmildernd wirkt sich auch der Alkoholkonsum des Täters auf das Urteil aus: Nach eigenen Angaben habe er am Tatabend bis zu acht Longdrinks und neun Bier getrunken. Ein Gutachter errechnete daraufhin einen geschätzten Promillewert zwischen 2,5 und 4,5. Maries erste Aussage bestätigt den Verdacht. Allerdings: „Ich wusste damals gar nicht, was sturzbetrunken ist“, sagt Marie heute und fügt hinzu: „Er konnte normal laufen, ist nicht getorkelt, hat nicht gelallt. Im Gegenteil: Er hat sich leise durchs Haus bewegt und geflüstert.“

Was bedeutet eigentlich Sicherheitsverwahrung?

Was bedeutet eigentlich Sicherungsverwahrung?

Marie fühlt sich von der Justiz im Stich gelassen. Sie kann das Urteil nur schwer akzeptieren: „Ich will, dass er wenigstens einen Tag so leidet, wie ich gelitten habe.“ Sie will Vergeltung für das, was er ihr angetan hat. Nicht nur körperlich, auch seelisch. Nach der Tat fällt sie in ein Loch, verletzt sich selbst, versteckt sich in Schränken. Von Mitschülern wird sie solange gemobbt, bis sie die Schule wechselt. „Es hat so lange gedauert, bis man sie überhaupt wieder anfassen konnte“, sagt ihre Mutter. Ihre Augen verraten, das das lange nicht alles war, was die Familie in den vergangenen zwei Jahren durchmachen musste.

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