Störfaktor Schneckentempo

Offenbach - Tag eins nach dem Finale des juristischen Kampfes ums Nachtflugverbot vor dem Bundesverwaltungsgericht Leipzig war auch Tag eins des weitgehend ohne Anwälte zu führenden Kampfes um mehr Ruhe am Tag. Von Marcus Reinsch

Offenbachs Fluglärm-Stadtrat Paul-Gerhard Weiß hat gestern gezeigt, dass er das ihm von Oberbürgermeister Horst Schneider lobend attestierte „Stehvermögen“ in Sachen Widerstand gegen den Flughafenausbau auch nach dem höchstinstanzlichen Segen für die Landebahn aufrecht erhalten will. Er drängt öffentlich auf die „Umsetzung wirksamer Vorschläge zum aktiven Lärmschutz“. .

Mit dem Sammeln von Vorschlägen muss er sich dabei nicht lange aufhalten. Eine Liste konkreter Maßnahmen zur Reduzierung des Krachs an der Quelle, also am Flugzeug, hat die Stadt schon vor Jahren zur Diskussion gestellt. Das allerdings erstmal mit bescheidenem Erfolg. Im Eifer des Mediations-Gefechts blieb der Ruf nach neueren und leiseren Jets, schonendere Flugrouten sowie anderen An- und Abflugverfahren ungehört. Mittlerweile wurden die Ideen zwar vom sogenannten Expertengremium „Aktiver Schallschutz“ beim Forum Flughafen Rhein-Main geprüft, weitgehend für technisch machbar und wirksam befunden und teils sogar getestet. Das allerdings in einem von der Stadt mehrfach beklagten „Schneckentempo bei der Entwicklung und Umsetzung“. Die Betriebsregelungen und Flugverfahren am Flughafen würden bisher kaum Rücksicht auf Lärmminderung nehmen, sagt Weiß.

Er sieht als wichtigste Maßnahme den nachts bereits erfolgreich erprobten nächtlichen „Segmentierten Anflug“. Dabei werden vor allem die Autobahn und die Wälder im Süden Offenbachs überflogen. Das Land habe mittlerweile signalisiert, dass dieses Verfahren zumindest ab 21 Uhr funktionieren könne; Offenbach fordert seinerseits die zusätzliche Ausdehnung auf die Morgenstunden.

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Auch eine deutliche Anhebung der Flughöhen sei möglich, argumentiert die Stadt. Deren Einhaltung werde bereits im Offenbacher Osten häufig unterschritten. Die Stadt zielt deshalb vor allem und mit Hoffnung auf Erfolg auf die Streichung des Eindrehbereichs über Bürgel-Rumpenheim. Außerdem hat sie ein analoges Verfahren für den Anflug auf die Nordwestbahn vorgeschlagen. Getestet wurde das bisher allerdings nicht; Weiß kündigt „erhöhten Druck“ an.

Mit Unterstützung darf er rechnen. Beispielsweise von der Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach (BIL), die der Begrüßung des Leipziger Urteils umgehend die Forderung nach einer Ausdehnung des Nachtflugverbots auf 22 bis 6 Uhr und einer Beschränkung des Flugverkehrs auch am Tag folgen ließ. Aber auch von der Kommunalpolitik. SPD, Grüne und FDP zeigten sich nach Bekanntwerden des Urteils zufrieden.

„Der Druck, der durch das konsequente Wirken Offenbachs gemeinsam mit den anderen Anliegergemeinden aufgebaut wurde, hat sich ausgezahlt“, schreibt FDP-Fraktionsvorsitzender Oliver Stirböck. SPD-Fraktionschef Andreas Schneider fordert dazu auf, weiter gegen die Einschränkung der kommunalen Selbstverwaltung Offenbachs durch die Bauverbote unterm Lärmteppich zu kämpfen. Und die Grünen ermuntern, das „nicht weit genug gehende“ (Fraktionsvorsitzender Peter Schneider) Urteil nicht als Schlusspunkt zu sehen, sondern als Motivation für weitere Proteste. Die hat derweil das Offenbacher „Bündnis Menschenkette“ bereits angekündigt.

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