Drei Jahre ohne Bewährung

Urteil im Tugce-Prozess: Sanel M. muss ins Gefängnis

Darmstadt/Offenbach - Der Prozess um Tugce Albayrak beschäftigt ganz Deutschland. Seit dem 24. April stand Sanel M. vor Gericht. Heute wurde nun nach zehn Verhandlungstagen das Urteil gesprochen.

Sanel M. ist heute vor dem Landgericht Darmstadt zu einer Strafe von drei Jahren verurteilt worden. Ohne Bewährung. Richter Jens Aßling verurteilte Sanel M. wegen Körperverletzung mit Todesfolge nach Jugendstrafrecht, da M. zum Tatzeitpunkt gerade erst seit zehn Tagen 18 Jahre alt war. Die Staatsanwaltschaft forderte eine Gefängnisstrafe von drei Jahren und drei Monaten. Die Verteidigung plädiert dagegen für eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. Der Täter habe den Tod der 22-Jährigen nicht beabsichtigt, sagte Aßling. Sanel M. sei „kein Killer, Totschläger oder Koma-Schläger“. Der Mutter von Tugce kamen beim Urteil die Tränen, auch Zuschauer weinten. Der 18-jährige Sanel M. nahm die Entscheidung äußerlich ruhiger auf. Richter Aßling richtete sich in der Urteilsbegründung auch an die Familie von Tugce. Der Verlust sei „durch kein Urteil dieser Welt auszugleichen“. Die Verteidigung wird nun gegen das Urteil womöglich in Revision gehen.

„Man hätte sich für die Familie gewünscht, dass es einen höheren Zweck für den Tod gegeben hätte“, sagte Oberstaatsanwalt Alexander Homm in seinem Plädoyer vor wenigen Tagen. „Doch leider haben wir hier einen als trivial zu bezeichnenden Hintergrund.“ In weiten Abschnitten sei es „ein völlig banaler Abend in einem Schnellrestaurant in Offenbach“ gewesen, sagte Homm - allerdings mit einem verhängnisvollen Ende. In den Morgenstunden des 15. November 2014 schlug Sanel M. auf dem Parkplatz des Restaurants Tugce mit der flachen Hand ins Gesicht - so stark, dass die 22-Jährige sofort nach hinten umfiel und mit dem Kopf auf den Boden aufschlug. Dabei erlitt sie eine Hirnblutung, an deren Folgen sie wenige Tage später starb.

Bilder zum Tugce-Prozess in Darmstadt

Alles zum Fall Tugce lesen Sie auf unserer Themenseite

Der Fall löste „eine unvorhersehbare Welle öffentlicher Aufmerksamkeit und Diskussion“ aus, wie Homm betonte - weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Die Rollen darin waren schnell verteilt: auf der einen Seite der 18 Jahre alte Sanel M., ohne Ausbildung, bereits mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Auf der anderen Seite die hübsche, bestens integrierte türkischstämmige Lehramtsstudentin, die ihre Zivilcourage mit dem Leben bezahlte. „Koma-Schläger“ gegen „Heldin“, „Gut gegen Böse“, lauteten die Schlagzeilen. „Aber es ist in der Regel nicht immer so einfach“, stellte Homm klar. Deswegen sei es im Prozess so wichtig gewesen, immer wieder einen Schritt zurück zu machen und sich nicht vor dem zu verschließen, was tatsächlich stattgefunden habe. „Es sind die Grautöne, die das Bild ergeben“, sagte er. Allein mit den Zeugenaussagen wäre man nicht weit gekommen - da sind sich Anklage und Verteidigung einig. „Es waren schlechte Zeugen auf beiden Seiten“, sagte Verteidiger Stephan Kuhn. „Die Jungs waren zu schlecht, die Mädchen zu gut vorbereitet.“ So versuchten die Beteiligten vor Gericht, die Tatnacht vor allem auf Basis der ruckelnde und unscharfen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus mehreren Überwachungskameras zu rekonstruieren.

Abschied von Tugce

Deutlich wurde, dass dem Streit zahlreiche Provokationen und wüste Beschimpfungen vorausgingen - sowohl von Sanel M. und seinen Freunden wie von Tugce und ihren Begleiterinnen. Offen blieb etwa die Frage, ob Tugce auf der Toilette des Restaurants zwei damals 13-jährigen Mädchen tatsächlich half, Sanel M. und seine Freunde loszuwerden - was später als Beleg für ihre Zivilcourage gewertet wurde.

Mahnwache für Tugce vor dem Klinikum

Mahnwache für Tugce A.

dpa/dr

Rubriklistenbild: © Symbolbild: dpa

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion