Kokaindealer entpuppt sich vor Gericht als kleiner Fisch

V-Mann führt Polizei auf die falsche Fährte

Offenbach - Manchmal liegt auch die Polizei ziemlich daneben. Besonders dann, wenn sie falschen Informationen eines V-Manns aufsitzt. Von Matthias Dahmer 

So geschehen in einem Fall, der gestern vorm Offenbacher Schöffengericht verhandelt wurde. In der Erwartung, einen dicken Fisch der Drogenszene zu schnappen, der angeblich kiloweise Kokain verkauft, hatten die Fahnder nach dem Tipp des Informanten den Hauptangeklagten über fünf Monate observiert und sein Handy sowie die seiner beiden Mitangeklagten abgehört. Den Fahndungseifer befördert haben dürfte dabei der Umstand, dass der 38-jährige Hauptangeklagte schon einmal von den Ermittlern überwacht worden war: Im Zuge des Verfahrens gegen den mittlerweile verurteilten Bieberer Aussichturmschläger Sven R., zu dessen Verwandtenkreis er zählt.

Nachdem die Polizei bei der jüngsten Überwachungsaktion nichts Belastendes finden konnte, durchsuchte ein Spezialeinsatzkommando im Februar des vergangenen Jahres die Wohnung des Hauptangeklagten und die eines Komplizen. Entdeckt wurden dabei insgesamt 20 Gramm Kokain. Gemessen daran ist gestern der Auftrieb im großen Sitzungssaal des Amtsgerichts enorm. Den drei Angeklagten, gebürtige Offenbacher, deren Vorfahren noch im Lohwald wohnten, sind jeweils Pflichtverteidiger zur Seite gestellt, Angehörige sitzen in den Zuschauerreihen, zwei Polizisten sind als Zeugen geladen.

Doch bevor es so richtig los geht, ziehen sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Rechtsanwälte auf Vorschlag der Verteidigung ins Hinterzimmer zurück, um einen Deal auszuhandeln. Erfahrene Beobachter wissen: Geboten wird bei solchen „verfahrensverkürzenden Absprachen“ in aller Regel ein Geständnis gegen mildere Bestrafung. So kann Richter Manfred Beck, Vorsitzender des Schöffengerichts, wenig später denn auch verkünden: Wenn die drei geständig sind, kommt für den Hauptangeklagten eine Bewährungsstrafe in Betracht, seine beiden jeweils 23 Jahre alten Komplizen würden zu einer Geldstrafe verurteilt.

Bilder: Drogendealer im Bahnhofsviertel

Daraufhin zeigt sich das Trio einsichtig und gibt die ihm zur Last gelegten Vorwürfe zu: Er habe das Kokain wegen beruflichem Stress selbst konsumiert, damit seine Frau und die vier Kinder es nicht in der Wohnung entdeckten, habe es der in der Nähe wohnende Mitangeklagte aufbewahrt und ihm bei Bedarf gebracht, so der 38-Jährige, der seit mehreren Jahren eine Werkstatt für Mopeds betreibt. Der 23-jährige Drogenaufbewahrer, der ohne Schulabschluss und ohne Job bei seiner Mutter lebt, bestätigt die Aussage. Der Dritte im Bunde, ein Cousin des Hauptangeklagten, der sich nach erfolgreich bestandenem Fachabi zur Zeit in Ausbildung befindet, steht wegen Beihilfe vor Gericht: Er räumt ein, dem Aufbewahrer telefonisch geraten zu haben, das Kokain so zu deponieren, dass er es im Fall einer Durchsuchung möglichst schnell verschwinden lassen kann.

Am Ende kommt zu der zuvor vom Gericht angedeuteten Verurteilung: Zwei Jahre und vier Monate auf Bewährung für den Hauptangeklagten, Geldstrafen – 60 beziehungsweise 90 Tagessätze zu 15 und 10 Euro – für seine Mittäter. Und: Ihre Handys erhalten die Drei zurück.

Rubriklistenbild: © dpa

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