Verbotenes hinterm Hitlerbild

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Die aktive Geschäftsführung der Th. Steinmetzt’schen Buchhandlung hat Lothar Franck schon vor Jahren seiner Geschäftsführerin Helma Fischer übertragen.

Offenbach - Gefüllte Bücherregale überall dort, wo andere Leute Tapeten kleben lassen. Griffbereit auf einem Tisch die Bände, die gerade genutzt werden. Wie eine behagliche Grotte formt die Literatur einen bergenden Raum. Von Lothar R. Braun

So wohnen Menschen, deren Leben von Büchern bestimmt wird. So wohnt Lothar Franck, einer der letzten unabhängigen Buchhändler in Offenbach. Am 20. April wird er hundert Jahre alt. Man nennt ihn eine Offenbacher Institution.

Die aktive Geschäftsführung hat der Inhaber der 1835 gegründeten Th. Steinmetzt’schen Buchhandlung schon vor Jahren seiner Geschäftsführerin Helma Fischer übertragen. Doch die Fäden hält er noch immer in der Hand. Diese Hand reicht er dem Besucher mit einem festen Druck, und den Besucher erfasst dabei ein Blick aus wachen Augen, die verschmitzt aufleuchten können. So wie Lothar Franck möchte man hundertjährig werden.

Buchhandlung in 1930er Jahren vom Vater übernommen

Die Buchhandlung, die sich in ihrer langen Geschichte auch schon mal Großherzoglich Hessische Hofbuchhandlung nennen durfte, hat Lothar Franck in den 1930er Jahren von seinem Vater übernommen. Der mochte als bekannter Freimaurer nicht mehr im Vordergrund stehen, nachdem Offenbach unters Hakenkreuz geraten war. Auf den Wechsel hatte sich der Sohn mit Ausbildungsjahren in Leipzig und Berlin vorbereitet.

Im Haus Franck blickte man mit Verachtung auf die nationalsozialistischen Bücherverbrenner, die nun darüber entschieden, was als deutsche Kultur und was als Weltliteratur gelten durfte. In einem Winkel der Buchhandlung verhängte Franck die Regalfächer mit einem Vorhang, den ein großes Hitlerbild schmückte. Der Vorhang verbarg Restbestände verbotener Literatur, die nur noch an sehr verlässliche Kunden abgegeben werden konnten.

Ungefährlich war das nicht. Doch Lothar Franck lächelt bei der Erinnerung. „Ich habe die Leute in ein Gespräch über Literatur verwickelt,“ sagt er. „Dabei erkennt man schnell, mit wem man es zu tun hat.“ Was es dann noch gab an verbotenen und genehmen Büchern, das zerfetzten samt Geschäft und Haus die Bomben des Zweiten Weltkriegs. Erst 1950 konnte Kriegsheimkehrer Lothar Franck wieder eröffnen.

Weltliteratur aus der Rotationsmaschine

Je drei Bände aus der Produktion des Frankfurter Philosophieverlags Vittorio Klostermann bildeten den Grundstock. Auch die ersten Taschenbücher aus dem Rowohlt Verlag waren schon zu haben und noch immer ihre Vorläufer im Zeitungsdruck. Behend springt der alte Herr vom Sessel. Aus der Tiefe seiner Regale ergreift er ein Bündel angegilbten Zeitungspapiers: „Mit solchen Drucken aus der Rotationsmaschine hat Rowohlt damals wieder Weltliteratur zugänglich gemacht.“

Wenn man mehr als eine Lebenslänge mit Büchern verbracht hat, wonach giert das Lesebedürfnis dann noch? Lothar Franck ist anspruchsvoll geworden. Auf seinem privaten Büchertisch liegen Bücher, die sich mit philosophischen Fragen befassen, mit Psychologie oder etwa neuen Ergebnissen der Hirnforschung. Das findet er spannend. Jüngere Belletristik fesselt ihn nicht mehr. Da lässt er nur noch „Alte“ an sich heran: Thomas Mann, Ernst Jünger oder den vergessenen Dichter Henry Benrath aus dem hessischen Friedberg, der ist schon seit 1949 nicht mehr am Leben.

Für bloß Unterhaltendes mangelt es dem alten Buchhändler an Bedürfnis und Zeit. Den Fernsehempfänger hat er in einem Schrank versteckt. Den öffnet er nur für Informationssendungen. Was die öffentlichen Dinge angeht, da will der alte Herr auf dem Laufenden bleiben. Davon hat er sich beileibe noch nicht abgemeldet.

Jury-Mitglied bei internationalen Film-Wettbewerben

Dabei hatte Lothar Franck durchaus schon mal eine Beziehung zu bewegten Bildern. Etwa als er in den 70er Jahren zum Filmclub Offenbach stieß. „Buch und Film haben etwas gemeinsam,“ sagt er. „Sie erzählen.“ Deshalb könne einer, der das Beurteilen von Büchern gelernt hat, auch vernünftig über Filme urteilen. Jedenfalls wurde Lothar Franck in jenen Jahren zum Jury-Mitglied bei internationalen Film-Wettbewerben. Es hat ihn häufig als Bewerter ins Ausland geführt.

Heute ist die Offenbacher Innenstadt das Revier, in dem er sich noch immer gelegentlich bewegt. Denn wenn es sein Offenbach betrifft, dann genügt ihm nicht der Fensterblick auf die Frankfurter Straße. Dann bricht er auf zu einem kurzen Gang, mit neugierigen Augen und ohne Rollator, versteht sich. Was derweil in seiner Buchhandlung geschieht, das weiß er in guter Hut. An die neunzig junge Buchhändler mag er in seiner aktiven Zeit ausgebildet haben. „Eine habe ich behalten,“ sagt er. Helma Fischer wurde seine Geschäftsführerin.

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