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Rückruf von Lebensmitteln: „Gesetzgeber muss nachbessern“

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Von: Angelika Dürbaum

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Wie behalten Verbraucher den Durchblick? Werden unsere Lebensmittel immer schlechter? Die vielen Rückrufaktionen der Hersteller führen zu immer mehr Verunsicherung. J  Foto: dpa
Wie behalten Verbraucher den Durchblick? Werden unsere Lebensmittel immer schlechter? Die vielen Rückrufaktionen der Hersteller führen zu immer mehr Verunsicherung. © dpa

Offenbach - Foodwatch hat in dieser Woche das staatliche Portal zu Lebensmittelrückrufen „lebensmittelwarnung. de“ für gescheitert erklärt. Von Angelika Dürbaum

Wiebke Franz, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Hessen J  Foto: p
Wiebke Franz, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Hessen © Privat

Die Palette der Vorwürfe war lang: Nicht alle Rückrufe würden dort veröffentlicht, oft seien Rückrufe verspätet und überhaupt gehe das Portal an den Bedürfnissen der Verbraucher vorbei. Wie die Verbraucherzentrale Hessen die Vorwürfe einschätzt, erläutert die Ernährungsexpertin der Organisation, Wiebke Franz, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Werden beim Portal „lebensmittelwarnung.de“ tatsächlich nicht alle Rückrufe veröffentlicht beziehungsweise verspätet veröffentlicht? Gibt es dafür Beispiele?

Besteht keine direkte Gesundheitsgefahr, können die Unternehmen betroffene Waren lediglich aus dem Handel zurücknehmen, ohne die Verbraucher zu informieren. Dass öffentliche Rückrufe zum Teil verspätet oder nicht erfolgen, haben Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre, zuletzt der Fall von Fipronilrückständen in Eiern, gezeigt. Zu öffentlichen Rückrufen sind Lebensmittelhersteller nur verpflichtet, wenn ein Lebensmittel des Unternehmens beispielsweise durch Fremdkörper oder mikrobielle Verunreinigungen die Gesundheit gefährden kann. Dann werden betroffene Produkte aus dem Handel genommen und Warnungen für Verbraucher, z. B. durch Aushänge im Handel, bekannt gemacht. Geht eine Gesundheitsgefahr von Lebensmitteln für Verbraucher aus, ist die Lebensmittelüberwachung ermächtigt, die Produkte öffentlich zurückzurufen. Öffentliche Rückrufe vom Bund und von den Ländern stehen in der Regel auf dem Online-Portal „lebensmittelwarnung.de“.

Stimmt es, dass die Zahl der Rückrufe sprunghaft steigt – und wenn ja, woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Es stimmt, dass die Zahl der öffentlichen Rückrufe auf „lebensmittelwarnung.de“ in den letzten drei Jahren kontinuierlich und deutlich angestiegen ist. Worauf dieser Anstieg beruht, ob es vermehrt belastete Lebensmittel gibt, ist aus den Zahlen nicht abzulesen. Zu vermuten ist, dass die Meldebereitschaft der Hersteller gestiegen ist und auch die Forderungen nach Veröffentlichung Wirkung zeigen. 

Foodwatch sieht die Rolle der Produzenten und der Supermärkte bei Rückrufen sehr kritisch beziehungsweise kritisiert den Gesetzgeber. Sehen auch Sie hier Defizite? 

Die Information und Warnung der Öffentlichkeit muss im Fall von unsicheren, täuschenden und gesundheitsgefährdenden Lebensmitteln schnell, einheitlich und für Verbraucher verständlich erfolgen. Hier gibt es aus Sicht der Verbraucherzentrale Hessen Defizite bei den Lebensmittelproduzenten, dem Handel und der Gesetzgebung.

Was könnte besser laufen?

Die Bundesregierung muss in Abstimmung mit den Bundesländern die gesetzlichen Voraussetzungen nachbessern und dafür sorgen, dass die Behörden unverzüglich warnen. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit muss im Krisenfall stärker koordinieren und für eine bundesweit einheitliche Kommunikation, beispielsweise über das Portal „lebensmittelwarnung.de“, sorgen können. Für die Lebensmittelwarnungen auf dem Portal und der Unternehmen muss es verbindliche Qualitätsstandards geben. Beispielsweise sollten Rückrufe immer ein Produktfoto enthalten und das gesundheitliche Risiko für Verbraucher verständlich darstellen und bewerten. Lebensmittelhändler, die betroffene Produkte in den Verkehr gebracht haben, sollten Rückrufe der Unternehmen gut erkennbar und ausreichend lange vor Ort platzieren. Auch Rückrufe wegen der Gefahr der Täuschung des Verbrauchers sollten mehr im Fokus stehen. Außerdem kennen drei Viertel der Verbraucher „www.lebensmittelwarnung.de“ nicht. Bund und Länder müssen die Bekanntheit in der Bevölkerung verbessern.

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