„Jeder vierte Täter ist eine Täterin“

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Vorstandsmitglied Udo Gann hat den Missbrauch durch die eigene Mutter über Jahre erleben müssen.

Offenbach - Typische Männerthemen drehen sich um Autos, Fußball und angebliche Erfolge bei Frauen. Sitzen mehrere Kerle beieinander, werden gern schlüpfrige Zoten rezitiert, über deren flaue Pointen der Stammtisch laut zu lachen weiß. Vereinsstrukturen braucht es dafür keine. Von Stefan Mangold

Bei Männerthemen e. V. drehen sich die Gespräche nicht um rasante Boliden und flinke Kicker. Frauen spielen zwar eine wichtige Rolle, doch anders als üblich.

„Frauen sind gefährlich, Männer sind Pfeifen“, erzählt Vorstandsmitglied Udo Gann von einem Weltbild, das ihn über Jahre unbewusst geprägt hat. Als Dreijähriger beklagte er sich gegenüber seinem Vater, dass die Mutter ständig an seinen Genitalien manipulierte. Was der mit dem Hinweis relativierte: „Alle Mütter spielen an ihren kleinen Jungs herum.“ Später drückte die Mutter ihrem Udo den Hals zu und klärte ihn auf: „So was passiert, wenn du das erzählst.“ Wenigstens habe er zwischen den Ereignissen eine Korrelation ziehen können: „Wenn ich den Mund halte, würgt mich Mama nicht...“

Größter Mäzen des Vereins ist die Kölner Bethe-Stiftung. „Wir brauchen weitere Spenden“, sagt Udo Gann. Weitere Informationen zum Verein im Internet.

Eine andere Szene empfand der heute 57-Jährige als bedrohlicher, weil er kein Wechselspiel zwischen Ursache und Wirkung erkennen konnte. Ebenfalls mit drei Jahren ging er nichtsahnend in die Waschküche. Seine Mutter packte ihn unvermittelt und steckte den Buben in die Trommel, die sie per Fußbetrieb in Gang setzte. Nicht aus dem kruden Gedanken einer Sanktion heraus, sondern rein zum eigenen Amüsement. Udo wurde ohnmächtig, „eine lebensbedrohliche Situation, schlimmer als der Sex mit ihr“.

Schwarze Flecken in der Erinnerung

Die 44-jährige Sabine Smith (Name geändert) erzählt von Ängsten, die sie beispielsweise eben auf dem Weg zur Wohnung von Udo Gann entwickelt habe, der Furcht, „dass mich die zwei Männer vergewaltigen werden“. Oft beschäftige sie der Gedanke: „Warum bin ich in so beschissene Verhältnisse hineingeboren?“ Ihr Erzeuger war ein Soldat, der kurz nach ihrer Geburt in die USA zurückkehrte. Die Mutter versuchte sie als Säugling zu ertränken, was ihre Oma gerade noch verhinderte. Bei der wuchs sie auf. Eine Frau, die Smith als gewalttätig, von religiösen Wahn- und neurotischen Sauberkeitsvorstellungen bestimmt beschreibt, und die wegen Nichtigkeiten zuschlug.

Omas Freunde von den Zeugen Jehovas nahmen das Kind bei den wöchentlichen Besuchen ins Gebet, „ich solle endlich folgsam sein“. Lieb war der Onkel. Wochenends kam der vorbei. Der Onkel schlug nicht, sondern fasste ihr über Jahre zwischen die Beine und steckte ihr seine Zunge in den Mund. Ob er den Geschlechtsakt vollzog, „das kann ich nur vermuten“.

In ihrer Erinnerung gibt es viele schwarze Flecken. Eine Beziehung hat die attraktive und belesene Frau noch nie gehabt. Sexualität verbindet sie mit Ekel. „Parfüm kann ich nicht riechen, das erinnert an Rasierwasser.“ Sabine Smith nimmt an Gesprächen einer der drei gemischten Selbsthilfegruppen des Vereins für Opfer von Missbrauch und Vergewaltigung teil. An den Folgen litten die Betroffenen für immer, „Therapien bezahlen die Kassen nur begrenzt“.

Die Mutter Udo Ganns benutzte ihren Sohn sexuell, bis er 13 war. Noch heute empfinde er mitunter einen Druck in der Leisten- und Magengegend, „meine Mutter saß mit ihren 80 Kilo oft auf mir“. Ein Teilnehmer der vierten Gruppe, nur für Männer, erinnert sich an eine Kindergärtnerin, die seinen After mit einem Stock penetrierte, bis er blutete. Frauen spielen als Täter keine Rolle in der öffentlichen Diskussion. Gann schätzt jedoch: „Jeder vierte Täter ist eine Täterin.“

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