Schaurige Gehorsamkeit

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Zwergspitz „Oskar“ feiert seine Wettkampf-Premiere beim Halloween-Cup der Offenbacher Hundesportler.

Offenbach - „Whisky Red Label“ bleibt dicht an der Seite seines Frauchens. Die Ohren gespitzt, erwartet er Heike Ruschs Kommandos, die sie wiederum vom Ringsteward bekommt, der genaue Anweisung gibt, was als Nächstes zu tun ist. Von Harald Richter

Der sechsjährige Border Collie und die erfahrene Hundeführerin wirken konzentriert und gesammelt. Das müssen sie auch, wollen sie in der knapp 15-minütigen Prüfung vor dem kritischen Auge des eigens aus Wien angereisten internationalen Richters Johann Kurzbauer bestehen.

Der 70-Jährige leitet an diesem Samstagabend seinen letzten landesübergreifenden Einsatz und geht danach in den Ruhestand. Doch er hat es sich nicht nehmen lassen, nach Offenbach zu kommen, um beim Halloween Night Cup Wertungsrichter zu sein. Schließlich eilt dem Wettbewerb ein besonderer Ruf voraus. So hat auch Kurzbauer einiges gehört über dieses Ereignis, das inzwischen Hundeführer aus vielen Gegenden Deutschlands nach Offenbach lockt. Teilnehmer aus Duisburg und Mönchengladbach stehen in der Startliste. Andere sind aus dem fränkischen Würzburg sowie aus Rheinland-Pfalz angereist – und aus der Rhein-Main-Region.

Ungewöhnlich ist das Ereignis nicht zuletzt dank des Ambientes. In effektvollen Fackelschein getaucht, präsentiert sich das üppig dekorierte Vereinsgelände unweit des Waldschwimmbads den Besuchern. Überall verteilt sind ausgehöhlte und beleuchtete Kürbisköpfe, vor und im Clubhaus geistern allerlei verkleidete Bösewichte in Schaueroptik herum. Die Speisen- und Getränkeauswahl ist mit „Blutsuppe“ und „Zaubertrunk“ thematisch aufs abendliche Gruselereignis abgestimmt und auch die übrige Ausschmückung mit reichlich Fledermäusen, Hexenfratzen und Spinnweben adäquat. Der Hundefriedhof freilich ist kein echter.

Man kann sich durchaus ängstigen bei all den gespenstischen Anblicken. Aber für die Hundeführer und ihre Vierbeiner auf dem Rasen wäre Schreckhaftigkeit wenig dienlich. Vielmehr sind bei dieser Obedience-Prüfung (Gehorsamkeit) höchste Konzentration und Aufmerksamkeit gefragt. Sie hat genau wie die zweite im Verein betriebene Hundesportart Agility (Wendigkeit) ihren Ursprung in England. Und dabei kommt es besonders auf harmonische, schnelle und exakte Ausführung der Übungen an. Daher wird sie als die hohe Schule der Unterordnung bezeichnet. Es zählen Gehorsam und Sozialverträglichkeit gleichermaßen. Und man muss schon ein eingespieltes Mensch-Hund-Team sein, um die etwa zehn Einzelelemente möglichst fehlerfrei zu bewältigen.

Jubiläum im Jahr 2013

Die reichen je nach Klasse – es gibt eine Anfängerkategorie sowie bei aufsteigendem Schwierigkeitsgrad die Klassen 1 bis 3 – von Stehen, Sitzen und Platz aus der Bewegung über Voraussenden in ein Viereck bis zum Metallapport über eine Hürde. Heike Rusch und „Whisky Red Label“ starten ebenso wie Andrea Härter mit ihrer siebenjährigen Sheltie-Hündin „Lille“ in der höchsten Einordnung, die auch zur Teilnahme an nationalen wie internationalen Wettbewerben berechtigt.

Der Offenbacher Verein, der 2013 sein 60-jähriges Bestehen feiern kann, hat 70 Aktive in seinen Reihen, darunter acht Jugendliche. Doch es ist schwer, Nachwuchs an den Hundesport heranzuführen, weiß Michael Rusch zu berichten. Seit fünf Jahren steht er als Vorsitzender an der Spitze und steckt jede Menge Herzblut in den VSGO, der eine wechselvolle Entwicklung genommen hat. Die kennt einer von Anfang an: Peter Labus, mit 73 Jahren ältestes Mitglied und beim Halloween Night Cup unter den Gästen.

Nach kleineren Aufs und Abs stand der Verein in den 90er Jahren am Scheideweg: Sinkende Mitgliederzahlen, steigende Kosten und altes Denken in der Hundeausbildung bedrohten den Fortbestand. Doch der VSGO meisterte die seinerzeitige Krise und hat dank zeitgemäßer Führung neue Reputation erworben. „Stillstand gibt es nicht“, sagt Rusch in Vorfreude aufs Jubiläum nächstes Jahr. Nun aber schaut er hinüber auf den Platz, wo sich das Team ein letztes Mal versammelt, ehe der Wettkampf beendet ist. Ruschs „bessere Hälfte“ Heike verlässt den Platz mit ihrem Border Collie. Und der springt wieder freudig umher zwischen den seltsamen Nachtgestalten, die anmuten wie Skelette und Geister.

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