Vereinschefs klagen bei Ostpol-Gespräch der CDU über zu viel Bürokratie

Im Korsett der Vorschriften

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Drei Vorsitzende stellvertretend für das Vereinsspektrum Offenbachs: Georg Wagner (links) von der TGS Bieber vertritt den Sport, Dirk Eisermann (daneben) von Musik im Park die Kultur und Rainer Marx (rechts) vom Behindertenbeirat das Soziale. Offenbach-Post-Redakteur Markus Terharn (Zweiter von rechts) führte durch die Gesprächsrunde.

Offenbach - Beim Ostpol-Gespräch über die Zukunft der Offenbacher Vereine waren deren Vertreter sich einig: Die bürokratischen Hürden werden immer höher, zunehmende Auflagen machen ihnen das Leben schwer. Hilfe von der Stadt gibt es dabei selten. Von Sarah Neder

Wenn Georg Wagner über seinen Verein spricht, dann klingt er wie ein Buchhalter, redet über Mitgliederzahlen, über Steuern, über Finanzen. Immer mehr Aufgaben, vor allem bürokratische, sind in den vergangenen Jahren auf den Vorsitzenden der TGS Bieber zugekommen. Beim Ostpol-Gespräch über die Perspektiven Offenbacher Vereine erzählt der ehemalige Banker: „Das kommt einem manchmal so vor, als wäre man Leiter eines Unternehmens.“ Wofür die Turngesellschaft mit 1300 Mitgliedern steht, gerate in Vergessenheit, nämlich für den Sport. Auf dem Podium der CDU-Veranstaltung ist aber auch einer der kleinsten Vereine Offenbachs vertreten. Dirk Eisermann ist Vorsitzender und eines der sechs aktiven Mitglieder von Musik im Park. In den warmen Monaten veranstaltet die Gruppe zum Beispiel die Picknick- und Flanierkonzerte im Rumpenheimer Schlosspark.

Um die Kosten zu decken, ist der Verein vor allem auf den Kaffee- und Kuchenverkauf angewiesen. Er mache ungefähr die Hälfte des Budgets aus, sagt Eisermann. Wegen der Lebensmittelverordnung müssen die Mitglieder eine spezielle Schulung besuchen. Auch die Zutaten der Kuchen müssen offengelegt werden. „Wir versuchen, uns an alle Regeln zu halten, aber wenn das Gesundheitsamt vorbeikommt und ganz penibel hinschaut, würden wir wahrscheinlich auch durchfallen“, gibt Eisermann zu. Rainer Marx, Vorsitzender des Behindertenbeirats und der Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen, klagt über das starre Vorschriftengerüst. Früher hat die Gruppe Frauenselbsthilfe nach Krebs beim jährlichen Aktionstag einen Kuchenstand organisiert. „Aber wegen der ganzen Auflagen machen die das heute nicht mehr“, beklagt sich Marx über die Bürokratie und ergänzt: „Besucher des Selbsthilfegruppentags fragen heute noch nach dem Gebäck.“ Marx ärgert sich auch, dass Vereine nicht über Neuerungen informiert würden. Vieles müsse man sich selbst erarbeiten.

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Nach der angeregten Unterhaltung zwischen Podiumsgästen und Moderator Markus Terharn, Redakteur unserer Zeitung, darf das Publikum nachhaken. Ungefähr 80 Zuhörer sind im Saal, alle Stühle besetzt, manche Interessenten müssen stehen. Viele Vereinschefs und -mitglieder sind zur Gesprächsrunde gekommen. Auch, um ihr eigenes Leid zu klagen. So ergreift 03er-Vorsitzende Ilse Hammann das Wort in der allgemeinen Fragerunde. Am meisten störe sie die seit Kurzem via Ordnungsamt vorgeschriebene Veranstaltungsversicherung, die jeder Verein vor einem Fest abschließen müsse. „Das sind bei uns 140 Euro für ein dreitägiges Fest“, moniert sie und fragt: „Kann man das nicht zusammenlegen?“

Auch TGS-Chef Georg Wagner fordert eine Zusammenlegung – und zwar in der Buchhaltung: „Ich träume jetzt ein bisschen, aber es wäre schön, wenn uns die Stadt die Buchhaltung abnehmen könnte.“ Ein Vorschlag, der nicht unbedingt auf Zustimmung trifft. Zu individuell, findet Mieterbund-Chef Detlev Dieckhöfer, sei jeder Verein, um das an zentraler Stelle zu regeln. Jeder Verein solle mit Steuern, Mitgliederbeiträgen und Ausgaben lieber selbst zurechtkommen. Bei 1300 Mitgliedern und rund 90 Übungsleitern leistet sich die TGS Bieber heute einen Steuerberater. „Der hilft uns, wenn wir konkrete Fragen haben“, sagt Wagner, „aber die Administration bleibt bei uns.“

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