Müllheizkraftwerk wird erneuert

Mit vereinten Kräften im Mief

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Letzte Reste: Mit einem Kran wird Müll in die drei Feuerräume verfrachtet. Nach dieser Fuhre ist der 6 000 Quadratmeter große Abfallbunker leer.

Offenbach - „Hier stehen wir mitten im Müll“, sagt Abteilungsleiter Tibor Füle, als er im Abfallbunker des Müllheizkraftwerks (MHKW) in Offenbach steht. Doch so ganz stimmt das nicht. Es ist gar kein Müll mehr da. Das Kraftwerk ist aus. Von Daniel Schmitt

Am vergangenen Sonntag wurde das von der Energieversorgung Offenbach (EVO) betriebene MHKW an der Dietzenbacher Straße für eine Woche komplett abgeschaltet – zu Revisionsarbeiten. Wer mit diesem Begriff nichts anfangen kann, dem sei ein zweiter genannt: Inspektion.

„Wie beim Auto“, beschreibt Günther Weiß, Leiter der Produktion, müsse ein Kraftwerk nach einem gewissen Zeitraum überprüft und erneuert werden. Seit der letzten Revision sind eineinhalb Jahre vergangen. Da haben sich Mängel angehäuft, die von Experten aus ganz Deutschland ausgebessert werden müssen.

Ungewohnt viele Autos mit auswärtigen Kennzeichen

Vor der Anlage parken ungewohnt viele Autos mit auswärtigen Kennzeichen: DO für Dortmund, KS für Kassel oder AB für Aschaffenburg. Füle und seine 70-köpfige Mannschaft haben zurzeit 140 Fremdarbeiter aus zwölf verschiedenen Firmen zu Gast, die das Kraftwerk wieder in einen sicheren Zustand bringen sollen. Das größte Problem: „Wir müssen sie richtig koordinieren, die Leute dürfen sich ja nicht auf den Füßen stehen“, erklärt der 45-jährige Füle, für den es bereits die dritten Revisionsarbeiten sind.

Mit einem Aufzug geht es 34 Meter in die Höhe. Füle startet seinen Rundgang. Mit grünem Schutzhelm auf dem Kopf, in blauer Jacke gehüllt, betritt er die oberste Etage. Beißender Gestank setzt sich in der Nase fest. Füle schreitet unbeirrt voran, nimmt die nächste Treppe hinab und spricht mit einem Mitarbeitern, der mit einem langen Metallrohr an ihm vorbeiläuft. Sie treffen kurze Absprachen. „Wir haben viel zu tun“, betont Füle.

Überall schwirren fleißige Arbeiter umher

Alt und neu: Tibor Füle (links) zeigt gemeinsam mit Teamleiter Hans Schuster, wie stark die Rohre der Feuerräume mitgenommen sind. Ersatz liegt daneben schon parat.

Überhaupt: Überall schwirren fleißige Arbeiter umher. Mal schrauben sie an kleinen Löchern, mal flexen sie mit großem Gerät. Besonders im Inneren der drei Feuerräume ist einiges zu tun. Wände wurden von den Flammen in Mitleidenschaft gezogen, sie müssen komplett ausgetauscht werden. Die Kosten für die Revisionsarbeiten belaufen sich auf fünf Millionen Euro. „Das ist schon eine Menge Geld, aber wichtig für einen reibungslosen Ablauf“, meint Weiß.

Der reibungslose Ablauf der Müllverbrennung: Im ersten Schritt wird der Müll angeliefert und in einem 6000 Quadratmeter großen Abfallbunker angehäuft. Ein Kran, der über zwei Joysticks gesteuert wird, krallt sich möglichst große Haufen und verfrachtet diese in die drei verschiedenen Schächte, die jeweils zu den Kesselanlagen führen. Diese sind fast dauerhaft im Einsatz, 8250 von 8760 Stunden im Jahr. Sie verbrennen den Hausmüll von 900.000 Menschen und Gewerbeabfälle aus dem Rhein-Main-Gebiet, 247.000 Tonnen Müll waren das im Jahr 2011.

Müll trocknet und fängt Feuer

In die Kessel wird von unten warme Luft hinein geblasen, der Müll trocknet und fängt Feuer. Bei dieser Rostfeuerung muss der Abfall für mindestens zwei Sekunden auf 850 Grad erhitzt werden, um die Schadstoffe zu minimieren. Die bei der Verbrennung frei werdende Wärmeenergie wird in den darüber liegenden Dampfkesseln zur Erzeugung von Heißdampf genutzt. Heißdampf, der einerseits in Strom und andererseits in Fernwärme umgewandelt wird. Kurz gesagt: Müll rein, anfeuern, Dampf erzeugen, am Ende kommt Energie raus.

Von diesem Prozess profitieren in der Umgebung etwa 17.000 Haushalte. Zum Einzugsgebiet des MHKWs zählen Offenbach, Heusenstamm, Dietzenbach und Gravenbruch. Privatpersonen und Müllabfuhr liefern den Abfall an. Der kurzzeitige Stopp durch die Revisionsarbeiten sei kein Problem, erklärt Füle. Immerhin gibt es in Deutschland 70 Müllverbrennungsanlagen, davon einige in der Umgebung: Mainz, Darmstadt, Frankfurt.

Tag und Nacht im Einsatz

Dennoch ist Füle in diesen Tage nicht zu beneiden. Er ist Tag und Nacht im Einsatz, auch am Wochenende. Die Revision – ein Ausnahmezustand. Zwar ein halbes Jahr vorher geplant, aber eben doch eine Ausnahme. „Wir müssen viel koordinieren, weil wir nicht viel Zeit haben“, erläutert der seit vier Jahren für die EVO tätige Abteilungsleiter.

Noch haben sie an der Dietzenbacher Straße fünf Tage Zeit, um die Reparaturen fertigzustellen. Ab nächsten Montag steuern die Müllwagen das Kraftwerk wieder an. Dann ist auch Tibor Füles Behauptung wieder richtig, wenn er sagt: „Hier stehen wir mitten im Müll.“

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