Vereinzelt zarte Pflänzchen

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Nahezu sieben Kilometer Straßen durchziehen den Industriepark. Der einstige Chemiestandort steht mittlerweile so gut wie leer. Sicher ist: Bis ein neues Konzept für die Ansiedlung von Gewerbe und eine teilweise Wohnbebauung steht, vergehen noch Jahre.

Offenbach ‐ Mächtige Kessel, riesige Rohre, halb verfallene Produktionsanlagen, verwitterte Verbotsschilder und dazwischen immer wieder Gebäude, in denen noch gearbeitet wird. Dort, wo einst das Herz des Chemiestandorts Offenbach schlug, stiften diese abrupten Wechsel beim Betrachter zunächst Verwirrung. Von Matthias Dahmer

Joachim Heinzelmann versucht an diesem regnerischen Morgen, so etwas wie Ordnung ins optische Chaos des Industrieparks zu bringen. Im VW-Bus des Gebäude-Managers der Allessa Chemie GmbH zuckeln wir über das Gelände. Die Scheibenwischer verstärken mit ihrem monotonen Takt die Tristesse, und Heinzelmann erinnert bei jedem Halt an die einstige Bedeutung des Areals zwischen Main und Mühlheimer Straße. 380.000 Quadratmeter umfasst es und ist damit fast so groß wie das Gewerbgebiet Waldhof. In den Glanzzeiten gibt es dort Jobs für 2 000 Menschen, mittlerweile sind es noch knapp 100.

Das Ausbluten zwingt zum Umdenken. Noch sind mit Allessa und - bis zum Jahresende - Invista zwei Chemieunternehmen im Industriepark vertreten. Doch längst wird versucht, neue Branchen zu implantieren, haben sich etwa ein expandierender Holzpellets-Betrieb und eine Cateringfirma niedergelassen.

Architektonisches Kleinod aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts

Das Gelände wurde einst von Westen nach Osten entwickelt. Jetzt fangen wir im Westen wieder an“, sagt Joachim Heinzelmann während er das Gitter zu Seite schiebt, welches das ehemalige Sozialgebäude an der Friedhofstraße vom Rest des Industrieparks trennt.

Es ist ein architektonisches Kleinod aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts. Das Obergeschoss ist seit Februar dieses Jahres an drei Werbefotografen vermietet, die das historische Ambiente zu schätzen wissen. Allein das Badehaus im Erdgeschoss des Baudenkmals, in dem einst die Arbeiter duschten, harrt weiter einen neuen Nutzung. Ausstellungen fanden dort schon statt, Heinzelmann könnte sich dort auch so etwas wie eine Erlebnis-Gastronomie vorstellen.

Bei aller Aufbruchsstimmung sind es bislang eher vereinzelte zarte Pflänzchen, die am einstigen Chemiestandort sprießen. Vom großen Plan, der zukunftsfähigen Lösung, ist man noch weit entfernt.

Unter Umständen müsste Zufahrt geschaffen werden

Hier duschten einst die Arbeiter: Das architektonisch reizvolle und ungenutzte Badehaus.

Warum, erklärt Offenbachs Wirtschaftförderer Jürgen Amberger: „Das ist dort kein Wunschkonzert. Mit dem entsprechenden baurechtlichen Instrumentarium ist zwar alles denkbar. Doch muss man zum Beispiel benachbarte Unternehmen, die Altlasten oder den Umstand berücksichtigen, dass das Gelände nicht ans städtische Kanalnetz angeschlossen ist.“ Die Art der Nutzung hat laut Amberger zudem Auswirkung auf die verkehrliche Erschließung des Areals. So müsste unter Umständen eine Zufahrt von der Mühlheimer in Höhe der Unteren Grenzstraße geschaffen werden.

Bei Allessa ist man dagegen erwartungsvoller: „Wir haben Flächen ohne Ende und sind offen für alle Kunden, die kommen“, sagt Dirk Rühl, Pressesprecher des Unternehmens in Fechenheim, das den Industriepark für den Eigentümer Clariant betreibt. Wünschenswert sind für Rühl Unternehmen, welche die von Allessa vorgehaltene Infrastruktur nutzen könnten.

Der derzeitige ESO-Standort ist nicht optimal

Das passt zum Kurs der Stadt Offenbach. Die favorisiert angesichts der zu sanierenden Altlasten auf dem Gelände überwiegend Gewerbeansiedlungen. Sie haben „stadtstrukturell erste Priorität“, formuliert Oberbürgermeister Horst Schneider. Das schließt für ihn insbesondere Richtung Main Wohnbebauung nicht aus. Den Park an der Friedhofstraße könnte sich der Verwaltungschef als einen öffentlichen vorstellen, und die Verlängerung des Kuhmühlgrabens bis zum Main wäre für ihn eine Art „Stadtreparatur“.

Und wie steht es mit der Ansiedlung des noch in der Daimlerstraße beheimateten Stadtdienstleisters ESO, der dort die geplante Wohnbebauung stört ? Schneider, der diese Vision vor einigen Monaten noch öffentlich verkündet hatte, gibt sich mittlerweile merklich zurückhaltender: Der derzeitige ESO-Standort ist für ihn nicht optimal, doch noch gibt es nichts konkretes, laufen Gespräche mit dem Eigentümer Clariant. Im Übrigen, so Schneider, besteht in Sachen ESO für die Stadt kein zeitlicher Druck.

Ein langfristiger Prozess

Den verspürt man offenbar auch nicht beim Chemieriesen Clariant. Obwohl sich dort eine Arbeitsgruppe mit dem Gelände beschäftigt, ist der Standort Offenbach offenbar nur ein Randthema: „Wir würden es begrüßen, wenn der Industriepark als Industriestandort erhalten bleibt“, heißt es lapidar aus der Pressestelle des Unternehmens.

Damit bewahrheitet sich vermutlich das, was Horst Schneider prognostiziert: „Das ist ein langfristiger Prozess, der uns 10 bis 20 Jahre beschäftigen wird.“

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