Das Vergessen verlangsamen

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Am Anfang sind es kleine Vergesslichkeiten. Doch die Erinnerungslücken werden größer. Irgendwann weiß der Mensch, mit dem man bislang sein Leben geteilt hat, am Frühstückstisch vielleicht nicht einmal mehr, wozu er das Messer benutzen soll.

Offenbach ‐ Am Anfang sind es kleine Vergesslichkeiten. Doch die Erinnerungslücken werden größer. Irgendwann weiß der Mensch, mit dem man bislang sein Leben geteilt hat, am Frühstückstisch vielleicht nicht einmal mehr, wozu er das Messer benutzen soll. Von Matthias Dahmer

Wer an Demenz erkrankt, verlässt mit kleinen, aber beständigen Schritten seine lange vertraute Welt. Und er hinterlässt in aller Regel zunächst ratlose und überforderte Angehörige.

Genau da will die Caritas mit einem auch in ihrem Offenbacher Verband laufenden Forschungsprojekt ansetzen, das am 1. März startet. Es verfolgt zwei Ziele: Zum einen soll herausgefunden werden, ob bei Personen mit leichter bis mittlerer Demenz durch passgenaues Training der Gedächtnisverlust aufgehalten oder zumindest verlangsamt werden kann. Zum anderen soll durch Schulung und Beratung der Angehörigen deren Fähigkeit gestärkt werden, mit den Betroffenen umzugehen.

Um das Gehirnjogging mit den Erkrankten kümmert sich die Katholische Fachhochschule Mainz. Die Angehörigen werden von geschulten Mitarbeiterinnen der Caritas- Sozialstationen angeleitet, bei den Erkrankten deren alltagspraktische Tätigkeiten zu aktivieren.

Das Forschungsprojekt mit insgesamt 22 Caritas-Sozialstationen in Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland läuft über drei Jahre und wird mit 260.00 Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung bezuschusst, wie die Mainzer Professorin Renate Stemmer sagt, die das Projekt leitet.

Statistiken zu ambulanter Betreuung gibt es kaum

Aus dem Kreis Offenbach machen die Sozialstationen in Heusenstamm, Seligenstadt, Rödermark und Obertshausen/Mühlheim mit, koordiniert wird ihre Teilnahme von Ute Kern-Müller, Leiterin der ambulanten Pflege der Caritas in Offenbach.

Insgesamt bis zu zwölf Erkrankte und deren Angehörige können die Pflegekräfte der vier Sozialstationen auf diese Weise betreuen, zum Start am nächsten Montag machen erst einmal vier Familien mit. Nach sechs Monaten wird Bilanz gezogen und es rücken jene nach, die zuvor als Kontrollgruppe ohne Betreuung von den Demenzforschern beobachtet wurden. „Bei diesem Projekt kommen Theorie und Praxis zusammen. Deshalb sind wir auch so motiviert“, meint Ute Kern-Müller.

Wer sich für das Forschungsprojekt namens „ANAA+KO“ interessiert oder teilnehmen will: Infos gibt es bei Ute Kern-Müller, Tel.: 069/80064- 202, E-Mail: ute.kern-mueller@cv-offenbach.de.

Statistiken zu Demenzerkrankten in ambulanter Betreuung gibt es offenbar kaum. Wie Beate Winnige, Chefin der Sozialstation Rödermark, berichtet, wird das nicht erfasst, die Pflegekräfte gehen wegen anderer Grunderkrankungen zu den Patienten. Derzeit kümmern sich die Rödermärker um 18 Demenzfälle, „und die Tendenz ist wirklich steigend“, sagt sie. Den Mitarbeiterinnen der Sozialstationen geht es in dem Forschungsprojekt vor allem um die Angehörigen. „Die sind in der Regel entsetzt, wie sich der Partner verändert“, so Gabriele Hermann-Kollig von der Station Obertshausen/Mühlheim.

Natürlich könnten Angehörige den Erkrankten stundenweise in die Tagespflege geben, was Entlastung bringe. Im neuen Projekt hätten sie es aber in der Hand, selbst für Verbesserungen im Alltag zu sorgen. „Das setzt aber auch eine Verhaltensänderung bei den Angehörigen voraus“, sagt Projekleiterin Renate Stemmer. Die würden nämlich - mitunter aus falscher Scham - die Erkrankten zu wenig fordern, ihnen zu viel abnehmen.

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