Vergessene Notenschätze

+
Florentine Schröder mit der „Burleske“ von Richard Strauss.

Offenbach ‐ Seit neun Monaten steht die Welt von Florentine Schröder und ihrem Mann Joachim Kopf. Was das Paar umtreibt, ist der Musikverlag Steingräber, der Florentine Schröder im vergangenen August von ihrer Mutter überschrieben wurde. Von Katharina Platt

Seit dem lagern über 120 Jahre Musikgeschichte im Keller des Hauses an der Seestraße 65 und bestimmen den Großteil des Alltags des Ehepaars. Im Wohnzimmer steht ein Flügel. Das schwarze Instrument stammt aus der Manufaktur der Familie in Bayreuth. Auf dem Deckel liegen alte und neue Ausgaben bekannter Klavierstücke. In dem Raum treffen sich zwei Familienzweige, die beide auf ihre Art eng mit Musik verbunden sind. 1878 gründet Theodor Steingräber den Musikverlag. Sein Cousin Eduard eröffnete 1852 die Pianofortefabrik in Bayreuth. Noch heute stehen die Familien in Kontakt.

Florentine Schröder und ihr Mann hegen eine tiefe Liebe zu klassischer Musik. Die Verwaltung des Verlags ist für sie mehr Leidenschaft als ein Hobby. Seit der Überschreibung wälzen die Schröders Bücher, stöbern in Archiven, im Internet und in den mehreren hundert Werken, die im Keller auf eine Neuauflage warten.

Einst bekanntes Haus geriet in Vergessenheit

Als im Zweiten Weltkrieg ein Großteil des Verlages unter Bombardements zu Staub zerfiel, erlosch auch die lebendige Geschichte des Traditionshauses. Von den einst 5000 Werken existieren nur noch etwa 400. Weil Auslieferer den Versand der Noten unter ihrem Namen weiterführten, geriet das einst bekannte Haus in Vergessenheit. Florentine Schröders Mutter, Hildegard Pilz, jedoch ist das Gedächtnis des Verlags. Die 92-Jährige erinnert sich an die Erzählungen ihrer Großmutter, dass so bekannte Komponisten wie Henri Marteau im Hause Steingräber aus- und eingingen. Doch Hildegard Pilz und ihr Mann waren beruflich anders orientiert und kümmerten sich nur wenig um die Verlagsführung.

Von jetzt an soll es wieder aufwärts gehen. Der Schatz des Steingräber-Verlags besteht nicht nur aus bearbeiteten Werken von Mozart, Bach, Beethoven und anderen, sondern auch aus Rechten an der „Burleske“ von Richard Strauss. Wenn irgendwo auf der Welt ein Orchester dieses Stück spielt, klingelt die Kasse. „Reich wird man damit jedoch nicht“, erklärt Gatte Joachim, der vor allem für das Archiv und das Marketing verantwortlich ist.

Vor allem mit den besonderen Bearbeitungen der Stücke will die Offenbacherin Kunden locken. „Die Leute sollen wissen, dass es die besten Versionen bekannter Musikstücke bei uns gibt“, sagt sie.

Seit seinen Anfängen ist der Musikverlag Steingräber auf Schulmusik spezialisiert. Den Grundstein legte Theodor Steingräber, als er 1868 unter dem Pseudonym Gustav Damm eine Klavierschule publizierte, die er für seine beiden Töchter schrieb.

Auch wenn Florentine Schröder mit modernem Marketing und frischen Ideen den Staub von den alten Notenheften klopft und dem Verlag neues Leben einhaucht, so setzt sie doch auf Tradition. Das Erscheinungsbild der Ausgaben verändert sich nur wenig. Auf hellem Grund prangen Autorenname und Titel in grüner Schrift. Eingerahmt von floralen Ranken und ergänzt durch das Emblem der Steingräbers, eine Harfe in einem grünen Oval. „Wir fügen Dinge zusammen, die eigentlich schon verloren waren“, erzählt Florentine Schröder. Besonders wichtig sind ihr der Erhalt des Verlages für die beiden Töchter und die vier Enkel.

Die Musikmesse findet von 24. bis zum 27. März statt. Mehr Infos gibt‘s auf der Internetseite des Musikverlags Steingräber.

Die neue Internetseite weist auf Neuauflagen hin: Von Johann Sebastian Bach soll „Die Fugen des Wohltemperierten Klaviers“ unter der Bearbeitung von Dr. Friedrich Stade wieder gedruckt werden. Außerdem erscheinen die Klaviersonaten von Franz Schubert in der Bearbeitung von Walter Rehberg. Noch so einige musikalische Kleinode sollen wieder publiziert werden. Doch dafür sind die Schröders auf professionelle Einschätzungen angewiesen.

Ein weiteres Juwel sind drei große, in Leder gebundene Partituren der Oper „Sakahra“, von Simon Bucharoff. Ein Wunsch von Florentine Schröder und ihrem Mann ist es, dass die Oper irgendwann noch einmal aufgeführt führt. Noch ist dies Zukunftsmusik.

Einen Schritt in diese Richtung ist die Teilnahme an der Frankfurter Musikmesse. Der Verlag präsentiert sich am Stand der Pianomanufaktur Steingräber und Söhne mit Infomaterial, das auf die Tradition und die Schätze des Hauses hinweist.

Kommentare