Der vergessene Todestag

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Hugo Eberhard in seinen späteren Jahren.

Offenbach - In Offenbach wird gern gedacht. Runde Todestage wichtiger Persönlichkeiten sind immer Erwähnungen wert. Bei einem, der die Stadt wie wenige andere geprägt hat, herrschte jedoch Schweigen sowohl seitens der Stadt als auch der Institutionen, die es ohne ihn nicht gäbe. Von Reinhold Gries +++Fotostrecke+++

Die Zeitung will nachholen, was auch sie am 8. April versäumte: hinzuweisen auf den 50. Todestag von Hugo Eberhardt, den für die Hochschule für Gestaltung wie das Ledermuseum, in dem seine Urne bestattet ist, so wichtigen Architektur-Professor.

Es ist der 1. Dezember 1907. Der hessische Großherzog Ernst Ludwig führt den Architekten Hugo Eberhardt (1874-1959) als Leiter der „Technischen Lehranstalten Offenbach“ ein, 1902 aus Kunstgewerbe-, Baugewerbe- und Maschinenbauschule entstanden. Von da an läuft in Offenbach vieles anders, der Kunstprofessorssohn aus Furtwangen startet eine Art bürgerlicher „Kultur(r)evolution“.

Dem Schwarzwälder Kulturmenschen gefiel Offenbachs Rolle als „Vorstadt Frankfurts“ schon nicht, als er Frankfurter Stadtbauinspektor war (1904-07). Der Erbauer von Villen im englischen Landhausstil, der Leiter der Asklepios-Ausgrabungen in Kos und Partner des berühmten Architekten Alfred Messel hatte zuvor Offenbach aber nur einmal beim Dampferausflug betreten. Nun erkennt Eberhardt, „welch enorme wirtschaftliche Kraft Offenbach zu eigen ist…als Platz einer den Weltmarkt beherrschenden kunstgewerblichen Industrie - Lederwaren, Reiseartikel, Metallwaren und grafisches Gewerbe.“

Der Bronzekopf bewacht die Grabwand im Deutschen Ledermuseum, hinter der seine Urne ruht.

Nach Eberhardts Appell 1913 werden Frauen zum Kunstgewerbestudium zugelassen. An die „Werkkunstschule“, heute „Hochschule für Gestaltung“, holt er beste Lehrer wie den Schriftkünstler Rudolf Koch. Aus beengten Räumen zieht er 1912 in das neue Hauptgebäude, von ihm selbst bis ins Detail geplant und wie eine Kunstburg ums Isenburger Schloss gelegt. Daneben macht sich der besessene Sammler ab 1912 daran, eine „Vorbildersammlung“ zu Lederkunst und -handwerk aufzubauen, ohne zu ahnen, welches Museum daraus entstehen wird. Das Energiebündel berät die griechische Regierung bei Kulturprojekten, baut bis 1914 große Architektur: malerische Landhausvillen in Heilbronn, Freiburg, Frankfurt, Königstein und Buchschlag; Verwaltungsgebäude im „Offenbacher Jugendstil“ für die Schraubenfabrik Heyne und die Gerberei Mayer und Sohn, das Wilhelm-Schramm-Stift am Buchrainweg. Dazu Mausoleen wie für die Offenbacher Lederfabrikanten Krumm („Goldpfeil“) auf dem Altem Friedhof. Der Großherzog macht ihn zum Professor, die TH Darmstadt zum Ehrendoktor. Selbst Krisenzeiten des Ersten Weltkrieges nutzt er für Reformen, widmet seine Schule zum „Berufsübungslazarett“ um, damit Kriegsverletzte neue Chancen erhalten.

Ab 1919 geht es wieder bergauf. Die „Meisterschule des Deutschen Handwerks“ und ihr Leiter finden internationale Anerkennung. Als Architekt wendet er sich vom-Jugendstil zur Neuen Sachlichkeit, zu sehen am 1930/32 von ihm und Bossert entworfenen Klinkergebäude der Offenbacher AOK.

Seine neusachliche Bauweise missfällt den Nazis. Ein bestellter SA-Auflauf skandiert 1933 „Eberhardt raus!“. Der Angepöbelte verliert vorübergehend seinen Pass, soll als Hochschulleiter zurücktreten. Dank vieler Freunde und Förderer geschieht das Gegenteil. Seine Sammlung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Auf dem Weg zum „Deutschen Ledermuseum“ erhält Eberhardt, neben Hilfe von Theodor Heuss und Sven Hedin, nun auch die Unterstützung des NS-Regimes. Das wird ihm von manchem bis heute nachgetragen. Sein Kalkül ermöglicht 1938 die Eröffnung in den von ihm selbst zum Museum umgebauten alten Messelagerhallen in der Frankfurter Straße.

Mit 80 Jahren erfährt der nun in Miltenberg wohnende Lokalpatriot Anerkennung: das Ehrenbürgerrecht Offenbachs (1953) und das Große Bundesverdienstkreuz (1954).

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