Verjüngungskur für die Urenkel

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Forstamtsleiter Kurt Schäfer mit Kiefern-Sämlingen. Die rechte Pflanze hat auf sandigem Untergrund eine kräftige Wurzel ausgebildet. Links: Auf Humus wird’s nichts.

Offenbach - Nachhaltigkeit. Das ist eines jener Worte, das Politikern seit gut zehn Jahren gern, flott und häufig über die Lippen geht. Es ist eine Art universelles, etwas diffuses Leitbild. Von Martin Kuhn

Kurt Schäfer, Leiter des Forstamtes Langen und somit auch für den Offenbacher Stadtwald zuständig, lächelt da nur: „Ein Begriff aus der Forstwirtschaft; gut 200 Jahre alt.“ Die Regel besagt in etwa: Schlage nur so viel Holz aus dem Wald, dass unsere Enkel noch die gleiche Menge entnehmen können. Daran orientieren sich die Förster noch heute. Die Erfolge der behutsamen und stetigen Verjüngungskur, die Revierförster Viktor Soltysiak und sein Team vornehmen, erlebt er nicht mehr. Der Wirtschaftszeitraum eines Waldes liegt bei etwa 150 Jahren.

Die Verjüngung erfolgt also in langen Perioden; folglich sind die Ergebnisse für Laien kaum erkennbar. Für den Förster schon. Wobei dessen umgangssprachliche Berufsbezeichnung zu kurz greift: Förster haben eine Ausbildung zum Forsttechniker hinter sich, Forstwirtschaft oder Forstwissenschaften studiert. Eine ihrer zentralen Aufgaben ist es, den Wald als ein Stück Kultur- und Wirtschaftsgut zu erhalten und die nächste Waldgeneration zu pflanzen und aufzuziehen. Kurt Schäfer nennt zwei Grundregeln: naturgemäß, ohne Kahlschläge. Wie unterschiedlich das aussehen kann, erklären die Fachleute im Stadtwald links und rechts der Waldstraße.

Was viele Erholungssuchende nur als Weg zum „Waldeck“ oder zur „August-Reiß-Eiche“ kennen, unterteilt der Forst nach Abteilungen. In der „63 A“ ist ein etwa 0,4 Hektar großes Stück durch einen sehr begrenzten Gewittersturm geschädigt worden - eine so genannte Windwurfblöße. Alle Bäume, die Saatgut abwerfen könnten, sind verschwunden.

Das enge Pflanzen treibt die jungen Bäume in die Höhe

Die eingezäunte Fläche an der Leimenkrautschneise sieht eher verwildert aus; ein Vorwurf, mit dem die Forstleute oft konfrontiert werden. Dass Grund dafür die mühsame Aufforstung ist, erschließt sich kaum. 2600 Stieleichen und 435 Hainbuchen wurden als gut 80 Zentimeter hohe Setzlinge bei einer Baumschule gekauft und sind im Karree kaum wahrzunehmen. „Die Klagen kennen wir. Viele setzen Wald allein mit 30 Meter hohen Bäumen gleich“, sagt Oberförster Schäfer. Der „Schlagabraum“ dazwischen, Zweige und Rinde, die säuberlich zu Wällen aufgehäuft sind, ist wertvolle Biomasse. Über die Jahre wird er zu Humus, aus dem die jungen Bäume die Nährstoffe ziehen. Mit einer ausladenden Armbewegung sagt Schäfer: „In 200 Jahren stehen hier noch 50 Eichen.“ Nicht gerade ein stattlicher Ertrag bei dieser großen Zahl an Jungpflanzen, oder? Viktor Soltysiak ergänzt: „Das enge Pflanzen treibt die jungen Bäume in die Höhe. Letztlich setzen sich die stärksten Bäume durch.“ Weniger Jungpflanzen hätten zur Folge, „dass wir nur Eichen haben, die in ihrer Form breiten Apfelbäumen gleichen. Das wollen wir nicht.“

In der „Abteilung 62“ (verlängerter Heusenstammer Weg) präsentieren die Experten ein anderes Projekt. Dort stehen Buchen, die etwa 140 Jahre alt und somit im besten Erntealter sind. Sie sind demnächst reif - bevor Faulpilze auftreten können. Auch muss unter den Alten gelichtet werden, damit die Sonne bis zum Waldboden kommt. Junge Buchen dürfen erst seit etwa 20 Jahren wieder nachwachsen, vorher setzten die Forstleute auf Nadelbäume.

Für Förster sind 20 Jahre eine kurze Zeit: Die Verjüngung des Gebiets soll bis 2030 abgeschlossen sein. Und dann sieht die Rechnung so aus: Altbestand 70 bis 80 Buchen, Jungbestand etwa 50000.

Aus stehendem Totholz wird liegendes Totholz

Es geht also voran mit der kontinuierlichen Verjüngung. Aber ist der Wald auch gesund? „Nein. Wir machen die Umwelt schneller kaputt, als sie sich anpassen kann“, sagt der Chef des Forstamts. Trotz dieser wenig guten Diagnose geht er mit Schwung an die Arbeit: „Wir Förster sind grenzenlos optimistisch.“ Von der Motorsäge verschont bleiben übrigens Bäume, die als Lebensraum für Spechte, Fledermäuse, Käuze oder Hornissen dienen. Und später? „Dann wird aus stehendem Totholz liegendes Totholz. Ein bestimmter Anteil ist wichtig für jeden gesunden Wald.“ Ein solcher soll auch in der „Abteilung 33“ wachsen - eine Mischung aus Kiefern und Buchen.

Nahe der A 3 wurde der Kiefern-Bestand (etwa 130 Jahre alt) großzügig entfernt, der Abraum zusammengezogen. Dort, auf trockenem, sandigem Boden mit wenig Nährstoffen, fühlt sich kaum eine andere Baumart wohl. Die wenigen stehen gebliebenen Kiefern auf den 0,7 Hektar haben im Frühjahr reichlich Samen abgeworfen. Gezählt wurden die inzwischen gut fünf Zentimeter großen Sämlinge nicht; hochgerechnet dürften es etwa 70 000 sein. Auf dem reinen Sandboden haben sie senkrechte Wurzeln gebildet, um ans Grundwasser zu gelangen. Auch auf dem Humus sprießt das kleine Nadelholz. Jedoch wachsen die Wurzeln seitlich weg, um sich woanders das überlebensnotwendige Nass zu holen. Sie spielen wohl beim Thema Nachhaltigkeit einmal keine große Rolle...

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