Verkannte Visitenkarte

Offenbachs Messe-Chef über Wertschätzung, Gewerbesteuer und Parkplätze

Sieht bei der städtischen Unterstützung noch Luft nach oben: Messe-Chef Arnd Hinrich Kappe.
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Sieht bei der städtischen Unterstützung noch Luft nach oben: Messe-Chef Arnd Hinrich Kappe.

Es gibt wohl kaum eine Institution in der Stadt, bei der die Schere zwischen öffentlicher Wertschätzung und tatsächlicher Bedeutung für den Standort weiter auseinandergeht, als bei der Messe, die seit nunmehr 70 Jahren zu Offenbach gehört.

Offenbach- „Ich kenne Städte, die sind so was von stolz auf ihre Messe, und die feiert man dort auch richtig. Da werden zu Messe-Zeiten Fahnen aufhängt, und die Papierkörbe quellen nicht über. Das habe ich hier so noch nicht erlebt.“ Arnd Hinrich Kappe, seit sechs Jahren Geschäftsführer der Messe Offenbach GmbH, ist kein Mann der gerne drumherum redet.

Und das, was der energiegeladene Sauerländer zu sagen hat, dürfte der lokalen Politik nicht unbedingt gefallen. „Bei uns ist es eher so, dass zu einem Messe-Wochenende Straßenbauarbeiten beginnen und damit unseren Besuchern die Anfahrtswege erschwert werden. Oder dass auf dem Mainuferparkplatz, den wir ja zu Messe-Zeiten von der Stadt für viel Geld mieten, plötzlich Politessen rumlaufen und unsere Besucher aufschreiben.“ Man merke nicht so richtig, dass die Stadt froh sei, wenn eine internationale Messe stattfinde. Kappe: „Da ist noch ein bisschen Luft nach oben.“

Von der Kritik ausnehmen will er dabei ausdrücklich Oberbürgermeister Felix Schwenke, der zugleich Vorsitzender des Verwaltungsrats der Messe ist. Zu ihm bestehe ein Super-Kontakt, er unterstütze, wo es möglich sei, man merke auch die Fortschritte, aber er könne halt nicht immer alleine entscheiden in der Stadt. Grundsätzlich aber befinde sich Offenbach in einer tollen Entwicklung, meint Kappe. Doch die wirklich exzellenten Visitenkarten der Stadt, die Hochschule für Gestaltung und die Messe, an der die Stadt und ihre Tochter GBO insgesamt 21 Prozent halten, sieht er mitunter zu wenig berücksichtigt. Die Internationale Lederwarenesse (ILM) sei eine Weltleitmesse, es gebe keine bedeutendere für Handtaschen und Reisegepäck. Und sie sei nicht zuletzt ein Multiplikator. Kappe: „Wir haben zwei mal im Jahr 6000 Besucher aus 65 Ländern. Und die fühlen sich alle wohl hier.“ Ohnehin sei es eher so, dass die Offenbacher selbst ihre Stadt schlecht redeten.

Noch immer hat der Messe-Chef an der Entscheidung der Stadt zu knabbern, dass die ILM im September wegen Corona gekippt wurde. „Wir hatten damals – bei einer Inzidenz von 35 – ein überzeugendes Hygiene-Konzept vorgelegt, trotzdem wurde sie untersagt.“ Andere Städte hätten sich da ganz anders für ihre Messen eingesetzt.

Als Beispiele nennt Kappe Düsseldorf und München. In der bayerischen Landeshauptstadt sei eine Woche nach Offenbachs Verbot bei einer Inzidenz von 60 eine Messe mit rund 12000 Besuchern an den Start gegangen. „Da muss man halt als Kommune ein bisschen Vertrauen haben und mit breitem Kreuz vor seiner Messe stehen“, meint Kappe. Den Verlust, der sich durch die Absage der ILM für die Messe GmbH und für die Aussteller ergeben habe, beziffert Kappe auf elf Millionen Euro. Nicht eingerechnet dabei Umsatzverluste in insgesamt dreistelliger Millionenhöhe. Auch für die Stadt wird sich das corona-bedingt maue Messegeschäft auswirken. Erstmals werde die Messe GmbH als Gewerbesteuerzahler ausfallen, so Kappe.

Sollte die Corona-Lage weiter angespannt bleiben, setzt er darauf, dass die Politik endlich eine Einsicht zeigt und das Veranstaltungsformat anders einordnet: Eine Messe sei kein Rockkonzert, sondern eine eine geschäftliche Zusammenkunft, bei der gearbeitet werde. Kappe: „Das ist im Grunde nichts anderes, als Einkäufe auf der Zeil zu tätigen. Nur mit dem Unterschied, dass es bei uns noch viel, viel sicherer ist.“

Die Planungen der Messe GmbH für 2021 laufen jedenfalls – unabhängig davon, dass die Messehallen immer wieder neben der Stadthalle als möglicher Ort für ein Corona-Impfzentrum genannt werden. Die ILM soll Anfang März beginnen, „mit einem noch perfekteren Hygiene-Konzept, das auch bei bei einer Inzidenz von 500 funktioniert“, verspricht Kappe. Für Anfang Juni ist die neue Publikumsmesse Clyde & Bonnie geplant, die Lifestyle-Themen aufgreift, einen Monat später stehen in Kooperation mit der Frankfurter Fashion Week die „xod“ (Xtra Order Days) auf dem Programm. Dort präsentieren sich Trendgeber der Schuhbranche sowie ILM-Aussteller. Hinzu kommen etablierte Veranstaltungen, wie etwa die Kart-Messe Ende Januar.

Ein bislang vermeintlicher Nachteil der Offenbache Messe ist mittlerweile ihr größtes Plus: „Gigantismus-Messen“ hätten ausgedient, so Kappe. Offenbach habe mit seinen Flächen von 600 bis 6000 Quadratmeter ein exzellentes und deutschlandweit einzigartiges Format. „Das ist die Zukunft“, sagt Kappe. Deshalb sind räumliche Erweiterungen an der Kaiserstraße auch nicht geplant.

Unabdingbar fürs Funktionieren sei zudem der Mainuferparkplatz. Überlegungen in der Kommunalpolitik, ihn für mehr Grün zu opfern, kommentiert der Messe-Chef unmissverständlich: „Das wäre für uns, für die Anwohner und für die Innenstadt eine Katastrophe.“ Wie groß der Parkdruck im Quartier jetzt schon sei, belege die Nachfrage in einem von der Messe GmbH geplanten Parkhaus am Nordring mit 350 Plätzen. „Ohne mit dem Projekt losgelegt zu haben, gibt es mehr als 700 Anfragen von potenziellen Mietern, die außerhalb von Messezeiten, gerne Stellplätze hätten“, so Kappe.

Von Matthias Dahmer

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