Verkaufsoffener Sonntag

Kunden in Kauflaune

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Der regional konkurrenzlose verkaufsoffene Sonntag zum Jahresende hat sich für den Einzelhandel der Innenstadt gelohnt. Anlass war wieder der zum Neujahrsmarkt verkleinerte Weihnachtsmarkt auf dem Aliceplatz.

Offenbach - Für das Ehepaar Neun bedeutet verkaufsoffene Sonntage nicht einfach weitere Gelegenheiten, Geld in den Einzelhandel zu tragen. Für die Menschen aus der Wetterau bieten solche Angebote vielmehr die seltene Chance zu einem ungehetzten Einkaufsbummel. Von Thomas Kirstein und Martin Kuhn

„Wir kommen ja sonst eigentlich nie dazu“, sagt Eckhart Neun, den die Offenbacher als einen der Metzger ihres Wochenmarkts kennen. Die Neuns gehören zu den vielen tausend gestrigen Besuchern der Stadt. Deren an normalen Sonntagen eher verwaistes Zentrum füllt sich zusehends ab 12 Uhr. Ein Indiz für die Anziehungskraft: Kurz nach 14 Uhr signalisiert das Parkhaus am KOMM bereits „Besetzt“.

Wenn es auch nicht zum ungemütlichen Gedrängel in der Fußgängerzone kommt, melden die aktiv Beteiligten – etwa 90 Prozent der Geschäfte haben auf – einen Erfolg, zu dem das erfreulicherweise ziemlich trockene Wetter beigetragen hat. Christiana Baudach, Vorsitzende des Gewerbevereins Treffpunkt und Chefin der Galeria Kaufhof, ist gegen Abend jedenfalls entzückt: „Die Frequenzen sind überall sehr hoch, es kommen mehr als Anfang 2012 – und die Kunden sind in Kauflaune.“ Erworben wird alles, vom Heimtextil über Schmuck bis hin zur – italienischer Brauch – roten Unterwäsche für Silvester.

Verkaufsoffen ist Offenbachs Innenstadt dank der kalendarischen Gegebenheit in enger zeitlicher Nähe zur weihnachtlichen Bescherung und ohne regionale Konkurrenz; 2011/2012 musste bis zum ersten Januar-Sonntag gewartet werden. Offizieller Anlass für den Verkaufssonntag ist wieder der zum Neujahrsmarkt und auf den Aliceplatz reduzierte Weihnachtsmarkt. Mehr oder weniger handelt es sich um ein durchaus gern angenommenes Sortiment von Getränken und Speisen. Nicky, der Offenbacher Verkäufer von Lammfellartikeln, ist als einziger übrig geblieben, der nichts für den Magen anbietet. „Traurig, aber wahr, ich bin noch der einzige echte Händler“, sagt er. Und er muss auch noch mit dem gegenwärtigen Wetter hadern, das die Notwendigkeit für seine wärmenden Produkte nicht eben unterstreicht.

Rabatt-Angebote und Kritik

Im von Rabatt-Angeboten (bis zu 50 Prozent verspricht etwa Schuh-Pauthner, mit je zehn sind Koffer-Roth oder das Neue Bettenhaus dabei) geprägten Karree zwischen Kaiserstraße und Marktplatz herrschen zufriedene Gesichter vor. Kritik ist freilich auch zu hören. „Uff de Gass’ ist gar nix los“, nörgelt ein Offenbacher darüber, dass sich mit Ausnahme des Neujahrsmarkts nahezu alles an Aktionen in den Läden abspielt. Immerhin kann der Blumen-Freund bei Blumen-König den schon wieder ausgedienten Weihnachtsbaum ersetzen: drei Amaryllis plus Vase sind für 15 Euro vor dem Geschäft im Angebot. Perfekt für ein blühendes Jahr 2013.

Auf das kann man auch schonmal gratis anstoßen. Im dritten Stock von M. Schneider fließt Sekt. Doch nicht dessen elf Prozent allein sorgen für ein proppenvolles Kaufhaus, ausschlaggebender dürften die versprochenen 20 Prozent auf fast alles gewesen sein. Apropos Jahreswechsel: In der Galeria Kaufhof verteilt Schornsteinfegerin Anita mit Kunst-Ruß auf den Wangen Glücksschweinchen – einfach eine süße Versuchung. Und im dritten Stock ist der Jahreswechsel hautnah zu ahnen. Die Verkaufsfläche für Christbaum-Kugeln, Lichterketten und Figürliches ist ebenso halbiert wie die Preise. Aufgefüllt sind die Lücken mit Fastnachtsware, die passende Musik ist hinterlegt: Rucki-Zucki statt Stille Nacht. Da biegen allerdings einige Kunden schnell wieder ab.

Lob für Offenbach

Sie entkommen der Fastnacht aber nicht lange, denn die Stadtgarde Offenbach ist als einziger Live-Beitrag auf Straßen und Plätzen unterwegs. Der musikalische Teil der Garde hat sich über die Jahre zur Guggemusik erweitert und gewandelt. Die die Formation („Icebreakers“) um Stefan Wolf heizt - trotz frühlingshafter Temperaturen - den Passanten kräftig und gut ein. Wenn das Ohr nicht ganz täuscht, haben sie sogar „Seven Nation Army“ von den White Stripes für Blech und Schlagwerk umarrangiert. Nicht schlecht! Dafür legen die Einkäufer gern mal eine Pause ein und senden spontan Applaus.

Den gibt’s übrigens durchweg von den Kunden; irgendwie erscheint der sonntägliche Einkauf geruhsamer und entspannter als der samstägliche. In das Geheimnis des günstigen Erwerbs weiht ein Ehepaar offen ein: „Wir feiern Weihnachten nach Weihnachten - weil’s billiger ist.“ Am Kartoffelpuffer-Stand ist dann noch Lob für die ganze Stadt einzuholen. „Das macht heute richtig Spaß, wir sind hier, weil sich Offenbach toll entwickelt hat“, sagt der Dietzenbacher Walter Hauck, dem als einstmals an der Großen Marktstraße tätiger Redakteur unserer Zeitung ein fundierter Vergleich zugetraut werden darf.

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