Kritik von Beschickern, Händlern und Anliegern

Verkehrsführung am Marktplatz: Kein Konsens absehbar

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Lebendige öffentliche Räume mit hoher Aufenthaltsqualität machen Städte erst lebenswert. „Shared Space“ ist eine Planungsphilosophie, mit der sich vielfältige Nutzungsansprüche an den Straßenraum besser vereinen lassen. Sie wurde in den Niederlanden entwickelt und soll auch am Marktplatz greifen.

Offenbach - Moderatorin Ursula Stein versucht gleich zu Beginn des Abends, Wogen zu glätten: „Es ist ein reiner Informationsabend...“ Netter Versuch. Aber beim geplanten Umbau des Marktplatzes gibt es wenig Zwischentöne. Von Martin Kuhn

Gegner und Befürworter stehen sich geradezu unversöhnlich gegenüber. Nach gut zwei Stunden ist wieder einmal deutlich: Der Weg zu einem Kompromiss ist ein beschwerlicher. Später, am Stand mit erwärmenden Getränken, stellt ein Offenbacher die Kernfrage: Warum überhaupt das Ganze? „An dem Platz ist doch ohnehin nichts mehr zu retten.“ Der Eindruck verfestigt sich bei jenen, die einmal sehenden Auges am Marktplatz entlang gehen; flanieren wäre zu positiv besetzt. Die Funktion eines Platzes ist nicht zu erkennen. Dort, eigentlich im Zentrum der Stadt, dominieren Kraftfahrzeuge, die privaten wie die öffentlichen. Das alles ist bestenfalls als funktional zu umschreiben, die Aufenthaltsqualität tendiert hingegen gegen Null. Somit sind zwei Punkte genannt, die die Stadtplaner ändern wollen. Zum Unmut einiger Gäste und Anlieger, die hörbar unzufrieden sind und tatsächlich trotz unterschiedlicher Beweggründe ein Anliegen haben: „Liebe Stadt, so nicht!“ Da sind beispielsweise Petra Heckelmann für die Marktbeschicker, Apotheker Dr. Hans R. Diefenbach für die Einzelhändler und Bruno Becker für die Anwohner. Obwohl an diesem Abend (offiziell: Marktplatzforum) die drei Sieger des Architektenwettbewerbs detaillierter vorgestellt werden sollen, überwiegt die Frage nach innerstädtischem Verkehrsfluss.

Die Berliner Landschaftsarchitekten Hahn Hertling von Hantelmann haben mit den Münchner Verkehrsplanern Obermeyer Planen + Beraten den großen Wurf gelandet. Als einziger der 19 Teilnehmer heben sie die gewohnte Linearität des Marktplatzes auf und verschwenken die Fahrbahn. 

Oder besser gesagt: Nach dem dann nicht mehr vorhandenen Verkehrsfluss. Um eine Verkehrsberuhigung zu erreichen, kappen die Planer für Autofahrer die Nord-Süd-Achse. Von der Waldstraße kommend geht’s vor dem Marktplatz künftig nur nach links in die Geleitsstraße und nach rechts ins Q-Park-Parkhaus, von der Schlossstraße aus nur nach links in die Bieberer Straße und nach rechts in die Geleitsstraße. Dabei will  Oberbürgermeister Horst Schneider, wohl ahnend, wie’s im Ostpol-Saal läuft, alle für die Umbaupläne begeistern: „Wir wollen die Trennwirkung zwischen Frankfurter Straße und Wilhelmsplatz endlich aufheben – ohne den Individualverkehr auszuschließen. Das muss letztlich immer ein Kompromiss sein, ein behutsames Abwägen.“ Der oberste Stadtplaner gibt mit Blick auf Hanau und den dort abgeschlossenen Innenstadt-Umbau außerdem zu bedenken: „Wer an Bestehendem festhält, wird verlieren.“ Und: Individual-Interesse sei nicht gleich Gesamt-Interesse.

Während sich die Planer mit dem Belag des Marktplatzes und der Bieberer Straße (bis zum Buchladen am Markt), mit Neuordnung, Strukturierung und Bepflanzung beschäftigten, geht es dem Publikum vor allem um die Verkehrsführung. Da einige im Saal den Übersichtsplan (Taxi-Chef Addy Wehner: „Das erinnert mich an ein Strickmuster meiner Oma“) als wenig informativ erachten, wird detailliert gefragt: Wo rangieren Markleute ihre Lastwagen entlang? Wie komme ich vom Süden auf den Wilhelmsplatz? Und von dort auf die A 661? Alles ungeklärt, finden die Kritiker. Bruno Becker bezeichnet die vorgesehene Verkehrslenkung als „weltfremd; von Leuten entworfen, die nicht hier wohnen“. Das Argument, der favorisierte Vorschlag sei in einer Gesamtabwägung die beste Lösung, schmettert Marktfrau Heckelmann nieder: „Für wen? Für uns sicher nicht!“

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Der Widerstand gipfelt im Vorwurf eines Händlers: „Man will alle Leute aus der Stadt raushaben. Sie machen noch den letzten Einzelhandel kaputt.“ Oder aber in der resignierenden Feststellung: „Das ist alles schon sehr verwirrend.“ Zu lauten Wortbeiträgen kommt es, als ein Gast die Rhetorik-Kiste bemüht: „Wollen wir überhaupt eine Umgestaltung?“ Unter Applaus und aufmunterndem Gejohle heißt es lautstark: Ja!

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Offenbar besteht weiterhin reichlich Redebedarf. Aber: Noch ist es Zeit für Nach- oder Verbesserungen. Im nächsten Verfahrensschritt wird mit den drei Preisträgern ein formalisiertes Vergabeverfahren für das 3,5 Millionen Euro teure Projekt vorgenommen. Markus Eichberger, Leiter des Stadtplanungsamts: „Es erhält nicht automatisch der erste Preisträger den Planungsauftrag. Die Platzierung fließt aber in die Bewertung ein. Neben Kriterien wie der Wirtschaftlichkeit wird in dieser Phase nochmals beurteilt, ob etwaige Anregungen und Hinweise des Preisgerichts umgesetzt werden können.“ Ist das erledigt, hat wieder das Stadtparlament das Wort. Aber wo sind denn die Offenbacher Volksvertreter an diesem Ostpol-Abend? Anwesend ist jedenfalls SPD-Stadtverordneter Lutz Plaueln, der zustimmt: „Das ist auch eine gute Frage...“

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