Verkehrsplanung für Kröten

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Lücke im Leitsystem: Bieberer Amphibien sind auf dem Weg zum Laichgewässer in Gefahr.

Offenbach ‐ Man stelle sich vor oder lasse es als Zartbesaiteter lieber bleiben: Ein einsamer Mann setzt sich mitten auf die Straße und wartet auf die Frau seiner Träume. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Kommt zuerst die Frau vorbei, ist der Mann glücklich. Kommt zuerst ein Auto, ist der Mann Matsch. Von Marcus Reinsch

Würde natürlich kein normaler Mensch so machen. Ein normaler Frosch aber schon. Oder eine Kröte. Die werden vom Instinkt geleitet, und der gebietet ihnen einmal im Jahr, dass sie zum Ort ihrer Geburt zurückkehren und für Nachwuchs sorgen sollen. Wie gründlich dieser Drang zur Arterhaltung nach hinten losgehen kann, das ist in diesen Tagen am Rande Biebers zu besichtigen: Von einer platten Froschleiche zur nächsten sind es auf einigen Abschnitten der Waldhofstraße und ihrer Ableger immer nur ein paar Meter.

Wie viele Hüpfer es schon erwischt hat, weiß Hans-Peter Seidel, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) Offenbach, nicht genau. Aber „dass das nicht wenige sind“, die auf dem Weg vom Bieberer Amphibienwohngebiet östlich der Waldhofstraße zum Laichgewässer auf dem Areal des Kleintierzuchtvereins Bavaria eines unnatürlichen Todes gestorben sind, das hat er dem Umweltamt Ende März zu Protokoll gegeben. Vorschläge, wie dem Sterben ein Riegel vorgeschoben werden könnte, hat er gleich mitgeliefert - obwohl es nicht mal ein Riegel sein müsste, sondern nur ein automatischer Türschließer. Aber das kommt später.

Feucht und modrig - das finden Frösche attraktiv

Die Größe der Bieberer Amphibienpopulation schwankt von Jahr zu Jahr deutlich, was normal ist. Nach Seidels Schätzung gibt es momentan gut 1 000, vielleicht sogar 2 000 Erdkröten und Springfrösche, nochmal so viele Molche und, hoffentlich, einige seltene Moorfrösche im Wald nördlich und südlich der Waldhofschneise. Feucht ist es dort und modrig, was den Amphibien attraktiv erscheint. Auch wegen des reichhaltigen Insektenbüffets, das sie nur zwecks Vermehrung vorübergehend verlassen.

Um ihr Laichgewässer, den Ententeich der Bavarianer, zu erreichen, nutzen die Hüpfer ein beeindruckendes Navigationssystem. Ihr Geruchssinn ist derart ausgeprägt, dass sie ihr Ziel über mehrere hundert Meter Luftlinie erschnuppern können. Allein: Zwischen Wald und Wasser gilt es, zwei parallel verlaufende Asphaltstränge der Waldhofstraße und dazwischen den Germania-Fußballplatz zu überqueren. Um ihnen die Lebensgefahr zu ersparen, gab es bis vor wenigen Jahren Krötenschleppaktionen. BUND-Aktive und Helfer spannten Folien, gruben Eimer ein, trugen ihre in die Plumps-Fallen geratenen Schützlinge morgens und abends zum Teich.

Dann spendierte die Deutsche Bahn, als Ausgleichsmaßnahme für die Eingriffe durch den S-Bahn-Bau, ein sogenanntes Amphibienleitsystem. 30 bis 80 Meter hohe Metallbarrieren am Waldrand und an den Zäunen der Vereinsareale geben den instinktiv der Nase nach, also schnur geradeaus wollenden Kröten eine ungefährlichere Route vor. Im Idealfall hüpfen die Tiere an den Wänden entlang, stoßen auf die Zugänge zu mit Lichtlöchern ausgestatteten Tunneln und unterqueren die östliche Waldhofstraße unbeschadet. Auf der anderen Fahrbahnseite: der Maschendrahtzaun zum Fußballfeld, wiederum mit Blechen, die Kröten sowohl auf dem Hin- wie dem Rückweg in die Tunnel zwingen. Der Weg gilt als eher harmlos; Amphibien wandern bevorzugt in der Abenddämmerung und bei warmem Regen.

Lebensgefährlicher Logenplatz

Das eigentliche Problem macht Seidel andernorts aus - überall dort, wo es keine Bleche mehr gibt: Was es am Wald irgendwie um die Barrieren herumschaffe oder aus einer anderen Richtung komme, „landet mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf der Straße vor dem Bavaria-Vereinshaus“. Und könne sich von dort nicht mal zum Teich retten. Denn da stehe die den Rückwanderern zugedachte Hürde allen Hinwanderern im Weg, werde vom lebensrettenden Segen zum todbringenden Fluch. Zumal Kröten nunmal wegen des besseren Überblicks besonders gerne mitten auf der Straße auf ein Huckepack-Techtelmechtel mit einem der zahlenmäßig deutlich unterlegenen Weibchen lauerten. Seidel schlägt als einfachste und billigste Lösung einige straßenseitig aufgeschüttete Sprungschanzen vor.

Eine ebenfalls unnötige Lücke im System: das Tor zum Bavaria-Gelände. Weil das auch am Abend noch offengelassen werde, könnten Kröten auf dem Rückweg problemlos den angebotenen Tunnel ignorieren und säßen schon wieder auf der Straße. Abhilfe schaffen, glaubt Seidel, könne da schon ein simpler Bügel mit Feder aus dem Baumarkt, der das Tor hinter jedem Besucher schließe.

Tor zu, das sei auch eigentlich mit den Züchtern verabredet gewesen, sagt die Chefin des Amtes für Umwelt und Mobilität, Heike Hollerbach. „Wir haben schon bei der Errichtung des Leitsystems auf Gefahrenquellen hingewiesen.“ Inklusive der Bitte, den tiefen Sandkasten auf dem Bavaria-Territorium abzudecken, auf dass er nicht mehr zum Kröten-Knast werde. Nun gehe ein Brief raus, der den Verein an die Absprachen erinnere. Darüber hinaus hätten aber natürlich alle, die die Waldhofstraße nutzen, „die Verantwortung, entsprechend langsam und vorsichtig zu fahren“.

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