Aachener Friedenspreis für Kollwitz-Schule

Angefeindet und gelobt

+
Die Urkunde enthüllten gestern feierlich der 19-jährige Schulsprecher Yusef Muhammad (Zweiter von links), Schulleiterin Marlies Stülb und einer der Initiatoren der Bundeswehr-Ausladung, Michael Preis (Zweiter von rechts), in der Lobby der Berufsschule.

Offenbach - Auf einer Stellwand am Eingang der Berufsschule steht in bunten Lettern geschrieben: „Nie wieder Krieg!“ Die Käthe-Kollwitz-Schule bekommt für dieses Bekenntnis den Aachener Friedenspreis. Von Fabian El Cheikh

Deutschlehrer Karl Schywalsky erinnert sich bei der kleinen Feierstunde gestern zur Verleihung des alternativen Aachener Friedenspreises 2013 an die Käthe-Kollwitz-Schule, wie einmal eine Schülerin zu ihm sagte: „Das stimmt doch gar nicht, bei mir daheim ist Krieg.“ Ihre leidvollen Erfahrungen teilen nicht wenige der 1300 Schüler. Viele sind zugewandert, nach den Herbstferien wird eine vierte Klasse für Seiteneinsteiger aufgemacht, die kein oder kaum Deutsch sprechen. Die ganze Welt scheint am Buchhügel vereint, und doch müssen die Lehrer ihre häufig schon erwachsenen Schüler tagtäglich für ein friedliches Miteinander sensibilisieren. „Wir haben zum Teil traumatisierte Schüler aus allen großen Konfliktregionen, aus Somalia, Eritrea, aus Kurdistan, Serbien und Bosnien. Sie alle kommen mit seelischen Wunden zu uns, deshalb ist es für unsere Schule so wichtig, das friedliche Miteinander zu organisieren und dafür zu werben, dass Konflikte nicht gewaltsam ausgetragen werden.“

Keine Auftritte für die Bundeswehr

Vor diesem Hintergrund hatte die Gesamtschulkonferenz den auch in der Schule kontrovers diskutierten Beschluss gefasst, jungen Bundeswehroffizieren Auftritte im Unterricht und Werbeveranstaltungen für den Dienst an der Waffe zu verweigern. Die Bemühungen der Schüler, sich „für Freiheit und Gerechtigkeit in Frieden, ohne Gewalt und Krieg“ einzusetzen, so die Begründung der Aachener Kommission, hatte der Berufsschule zusammen mit einer Berliner und einer irakischen Schule den vor allem in konservativen Kreisen nicht unumstrittenen Friedenspreis eingebracht. Und damit so einigen Unfrieden gestiftet.

Schulleiterin Marlies Stülb sind die vielen Reaktionen auch der politischen Vertreter noch gut in Erinnerung; nicht alle zollten wie die Offenbacher SPD-Abgeordnete Heike Habermann „Anerkennung und Respekt“ für die Entscheidung. „Wir waren übelsten Anfeindungen und Beschimpfungen ausgesetzt“, sagt Stülb. Der CDU-Kreisvorsitzende Stefan Grüttner etwa warf den Lehrern ein „beängstigendes Maß an historischer Unkenntnis und ideologischer Verblendung“ vor. Mit dem Motto „Nie wieder Krieg“ und der daraus resultierenden Verbannung der Institution Bundeswehr kämen sie ihrer Aufgabe nicht nach, Schüler zu kritischen Bürgern zu erziehen. Selbst Stadtparlament und Hessischer Landtag debattierten anlässlich der Preisvergabe über die Frage: Darf eine Schule Bundeswehroffiziere als Referenten ablehnen und dafür auch noch einen umstrittenen Preis akzeptieren?

Friedensnobelpreisträger von 1999 bis 2009

Friedensnobelpreisträger seit 1999

Der Kritik stellt sich die Schule offen. Auf jener Stellwand am Eingang hängen schriftlich eingegangene Äußerungen und Zeitungsartikel. „Eigentlich verdienen Sie einen Preis für Geschichtsvergessenheit, Realitätsverweigerung und moralische Überheblichkeit“, steht auf einem Papier. Auf einem anderen: „Sie sollten sich schämen, den sogenannten Aachener Friedenspreis angenommen zu haben.“ Und: „Man kann eine kritische Einstellung zur Bundeswehr haben, Sie aber haben eine ideologische!“ Von „Skandal“ ist die Rede, aber auch von „Anerkennung“, die der Beschluss verdiene, weil er sich „militärpolitischen Indoktrinationen an Schulen“ widersetze. Letzteres unterzeichnet vom Fraktionschef der Linken im Bundestag, Gregor Gysi.

Einer der Initiatoren des Konferenzbeschlusses war der Fachlehrer Michael Preis. Der Sozialpädagoge ist froh um die bundesweite Debatte, die die Auszeichnung ausgelöst hat, und er betont noch einmal: „Wir sind nicht gegen die Bundeswehr, sondern dagegen, dass Offiziere mit Schülern über Krieg und Frieden sprechen. Dafür haben wir gut ausgebildete Politikwissenschaftler.“ Der stellvertretende Schulleiter Peter Schug mahnt in seiner Rede vor den Schülern, sich mehr mit der veränderten Rolle der Bundeswehr im Ausland auseinanderzusetzen: „Wir alle müssen uns fragen, ob militärische Lösungen anstelle ziviler wirklich erforderlich sind.“ Die 200 Euro Preisgeld zusammen mit weiteren Spenden in Höhe von mehr als 1000 Euro hat die Käthe-Kollwitz-Schule im Übrigen dem dritten Preisträger, einer internationalen Schule in Dohuk – im kurdischen Teil des Irak – überlassen, die trotz der enorm schwierigen gesellschaftspolitischen Lage im Land Schüler aller Ethnien und jeden Glaubens ohne religiösen Unterricht beschult.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare